Twitter als Meilenstein – Interview mit Benedikt Köhler zu #meinweginsweb

Benedikt Köhler

Es gibt Leute, die lese ich schon fast so lange, wie ich mich im Social Web bewege. Mein heutiger Interviewpartner ist einer davon und ich muss immer erst kurz überlegen, wie sein richtiger Name lautet, da er in meinem Kopf unter seinem Twitternamen abgespeichert ist. 😉 Zusammen mit Sabria David und Jörg Blumtritt, die beide schon in dieser Reihe zu Wort gekommen sind, ht er das Slow Media Manifest verfasst: Furu… Nein! Benedikt Köhler. 🙂

Benedikt Köhler1. Bitte stelle Dich kurz vor (Name, Ort, Tätigkeit, Website, Facebook, Twitter, Google+, drei Hashtags)

Benedikt Köhler aus München, Gründer und Geschäftsführer der Datenanalyse und -visualisierungsfirma DataLion. Vorher Soziologe, Forscher, Lecturer.

Meine drei Tags sind: #datascience #slowmedia #internet

Auf Twitter bin ich @furukama. Meine Blogs sind hier zu finden: http://beautifuldata.net, http://kuirejo.net, http://blog.metaroll.de.

2. Seit wann bist Du online unterwegs, wann hast Du angefangen zu bloggen und wann bist Du dem ersten sozialen Netzwerk beigetreten? Wie bist Du dazu gekommen?

Meine ersten Onlineerlebnisse hatte ich noch auf dem Commodore 64, den mir meine Eltern geschenkt hatten, als ich in die 5. Klasse gekommen bin. Der Deal war natürlich – wie bei so vielen Kids damals -, dass das Gerät nicht nur für Computerspiele genutzt wird, sondern auch um damit zu „arbeiten“. Jedenfalls insofern 12jährige überhaupt einen Begriff davon haben, was „arbeiten“ bedeutet. Für mich hieß das: Code schreiben, seitenlange BASIC- und später Assembler-Programme, die zum Beispiel Musik abspielten oder Sprache ausgeben konnten. Ernest Cline hat in seinem Buch Ready Player One diese Zeit und das Lebensgefühl sehr gut beschrieben: es war vermutlich das erste Mal in der Geschichte der Menschheit, dass eine Generation der Kinder blitzschnell lernte, mit einer völlig neuen Technologie umzugehen, die ihre Eltern überhaupt noch nicht begriffen haben. Meine Eltern waren regelmäßig verblüfft, was man mit dem Brotkasten alles anstellen konnte.

Das Internet hat sich damals eher „eingeschlichen“. Es war eine von mehreren lustigen Dingen, die man mit einem Computer tun konnte: Dateien verschicken, Nachrichten lesen. Aber doch ziemlich aufwändig und teuer wegen der Telefongebühren. Spannend ist daran im Rückblick vor allem, dass man das Internet gehört und gefühlt hat. Man hat genau gemerkt, ob und wann man online war. Heute leben wir in einem Zeitalter, das man sehr gut als „post-Internet“ bezeichnen kann. Das Internet ist überall, wie Luft, so dass man es gar nicht mehr merkt, dass man online ist. Im Gegenteil! Heute merkt man nur noch, wenn man offline ist – entweder erzwungenermaßen oder als bewusstes „Internetfasten“ wie es in der Slow Media-Bewegung vorkommt.

Mein erstes Netzwerk war das Usenet, vor allem Gruppen, in denen man sich Ende der 1990er Jahre mit anderen Web-Entwicklern ausgetauscht hatte. Gebloggt habe ich dann vor allem über Musik auf meinem Blog POPLOG, da ich zu der Zeit auch für Musikzeitschriften wie Spex, testcard etc. geschrieben habe.

3. Gab es Menschen, die Dich persönlich oder durch Ihre Veröffentlichungen bei Deinem Einstieg ins Social Web begleitet haben?

Eine Person, die mich auf die Idee gebracht hat, mich mit dem ganzen Thema Internet auf wissenschaftlich auseinanderzusetzen, war Jan Schmidt, der damals an der Uni Bamberg in Deutschland die „Blogforschung“ erfunden hat. Das war ein Thema, mit dem ich mich dann viele Jahre intensiv beschäftigt habe von dem Programmieren von Anwendungen wie der Metaroll, einer automatischen Empfehlungsmaschine für Blog-Leseempfehlungen, über die Suche nach dem ältesten Blog Deutschlands bis hin zur Gründung der Arbeitsgemeinschaft Social Media. Mit letzterer hatten wir den Versuch unternommen, Blogs als anerkannte Mediagattung in Deutschland zu etablieren. Wir hatten es damals nicht ganz geschafft. Die Social Networks, mit denen wir arbeiteten, gibt es heute nicht mehr. Erst mit Youtube hat sich ein – zumindest für einige Teilnehmer – ertragreiches Ökosystem entwickelt. Youtuber sind heute das, was Blogger damals waren, nur besser bezahlt.

Andere Personen, die mich auf dem Weg ins Netz stark beeinflusst haben, sind: Marshall McLuhan, Timothy O’Reilly, Neal Stephenson, William Gibson.

4. Wie hat sich Dein Weg in Sachen digitale Kommunikation dann bis heute weiterentwickelt (nenne die wichtigsten Meilensteine)?

Ein wichtiger Meilenstein war für mich 2007, als ich mit Haut und Haaren Twitter verfallen bin. Mir war sofort klar, dass sich damit die Kommunikationslandschaft vollkommen verändern wird. Das habe ich dann auch immer wieder in Vorträgen vor (meistens) völlig verdutzten Wissenschaftlern, Marktforschern oder Managern demonstriert. Besonders lustig war ein Vortrag 2008, in dem ich gezeigt hatte, wie man mit Twitteranalysen die unterschiedlichen Assoziationen und Bedeutungssphären von Rebsorten wie Chardonnay und Riesling erforschen kann. Meine These war damals, dass Twitter die Marktforschung komplett umkrempeln wird und man kaum noch andere Datenquellen benötigt. Auf einem der Charts, das ich noch gefunden habe, argumentiere ich mit der Größe des Social Networks: Twitter hatte damals gerade einmal eine Million Nutzer weltweit.

5. Gibt es Fehler, die Du auf Deinem Weg gemacht hast und wie können andere diese vermeiden?

Social Media ist ein großartiges Medium, um Fehler zu machen, die keine große Tragweite haben. Jeder sollte sich hier selbst ausprobieren und lernen.

6. Welche Wege empfiehlst Du Einsteigern oder denen, die sich in Sachen digitale Kommunikation fortbilden wollen?

Am meisten lernt man, wenn man den heute 10-12jährigen zusieht, wie sie im Web kommunizieren, welche Anwendungen sie für welche Zwecke benutzen und wie sie ihr Sozialleben über unterschiedliche Kanäle hinweg ausbreiten. Das ist besser als jeder Workshop oder jede Schulung.

7. Welches ist Dein bevorzugtes soziales Netzwerk und warum?

Wie schon erwähnt Twitter. Dort bin ich zu Hause – lustigerweise hatte mein allererster Tweet den Text „going home“.

8. Welche aktuellen Entwicklungen in der digitalen Kommunikation findest Du besonders spannend?

Zwei Entwicklungen finde ich besonders interessant: Erstens Tools, mit denen man den „Datalayer“ visualisieren kann, der sich heute über unseren Alltag gelegt hat. Klout war ein sehr frühes und noch sehr unvollkommenes Tool hierfür. Ich bin sicher, dass sich auf diesem Bereich noch sehr viel tun wird. Zweitens das zunehmende Eindringen von künstlicher Intelligenz in unsere Medien- und Kommunikationslandschaft. Es gibt schon die ersten Anwendungen, die einem Emails vorformulieren, in dem sie das Kommunikationsverhalten des Email-Empfängers analysieren und dann bestimmte Stilmittel und Floskeln vorschlagen.

Vielen Dank für das Interview, Benedikt! 🙂

Nächstes Mal wird Johannes Korten mei Interviewpartner sein.
Alle Interviews dieser Reihe können nachgelesen werden unter
http://www.schwindt-pr.com/tag/meinweginsweb.

Von wegen virtuelle Welt! – Interview mit Jörg Blumtritt zu #meinweginsweb

Jörg Blumtritt

Nachdem bereits Sabria David bei dieser Interviewreihe ihren Weg ins Social Web beschrieben hat, kommt heute einer ihrer beiden Autorenkollegen beim Slow Media Manifest zu Wort: Jörg Blumtritt berichtet von seinem spannenden Werdegang und seinen vielseitigen Projekten  – und darüber, was seine Mutter damit zu tun hat. 😉

Bitte stelle Dich kurz vor (Name, Ort, Tätigkeit, Website, Facebook, Twitter, Google+, drei Hashtags)

Jörg BlumtrittIch bin Jörg Blumtritt aus der Blogger-Metropole Stockdorf und arbeite in München in meiner Firma Datarella, die ich 2013 mit drei Kollegen gegründet habe. Ich blogge unter http://slow-media.net über Medien und Gesellschaft, unter http://beautifuldata.net und  http://datarella.de/blog über Big Data, unter http://kuirejo.de über kochen und neu auch bei http://medium.com/@jbenno über alles Mögliche.

Auf Twitter, Facebook und auch sonst überall bin ich @jbenno.

Meine Tags sind:
#DataScience, #ComputationalSocialScience, #Blogger

Seit wann bist Du online unterwegs, wann hast Du angefangen zu bloggen und wann bist Du dem ersten sozialen Netzwerk beigetreten? Wie bist Du dazu gekommen?

1986 habe ich mein erstes Modem bekommen. Mein erstes Social Network war CompuServe ab 1992. 1994 bin ich Mitglied bei The Well geworden. Seit 2007 blogge ich.

Gab es Menschen, die Dich persönlich oder durch Ihre Veröffentlichungen bei Deinem Einstieg ins Social Web begleitet haben?

Meine Mutter. (Nicht lachen!) Als Kind waren mir die ersten Computerspiele extrem unsympathisch. Ich war der Lego-Typ, und Minecraft gab es schließlich noch nicht. Meine Mutter ist Diplom Dokumentarin und arbeitete seit den 70ern mit Computern. Sie hat mir, trotz meiner oft geäußerten Skepsis einfach einen Computer gekauft und hingestellt. Völlig richtig hatte sie eingeschätzt, dass ich von selbst erkennen würde, was mich daran fasziniert. Sie hat mich auch auf die Idee gebracht, mir selbst Maschineschreiben beizubringen, so dass mir der Computer schon zur Schulzeit ein unglaublich hilfreiches Werkzeug wurde. Durch das Modem war der Einstieg in die Online-Communities selbstverständlich – was sollte man sonst damit machen, als sich dort einwählen? Und Cyberpunkt. Neuromancer habe ich glaube ich 1987 gelesen, Snow Crash 1992. Danach sofort Timothy Leary und Mashall McLuhan. Und
vor allem Bruce Sterling. Durch die McLuhan-Community bin ich auch auf völlig neue Zeitschriften gestoßen: Mondo2000 – Netzkultur „Prä World Wide Web“; seit der ersten Ausgabe bin ich Abonnent der Wired. Zwanzig Jahre später, 2007, hat mich dann Benedikt Köhler für Twitter gewonnen, was seither für mich das zentrale Social Network geworden ist. @furukama ist auch bis heute mein wichtigster Twitter-Kontakt. 🙂

Wie hat sich Dein Weg in Sachen digitale Kommunikation dann bis heute weiterentwickelt (nenne die wichtigsten Meilensteine)?

Im Studium habe ich via X.25 mit meinem Modem in den OPAC-Systeme der Staatsbibliothek und der Universität recherchiert. Als Mitte der 90er die Suchmaschinen kamen, war Online-Recherche für mich die wichtigste Anwendung im Web. Wie viele Leute, die das Netz noch vor dem Web erlebt haben, fand ich den Verlust von Interaktivität und Gemeinschaft, der mit dem „Hochglanz-Web“ kam, zunächst sehr bedauerlich. Als AOL schließlich CompuServe übernommen hatte, fühlte ich mich regelrecht heimatlos, denn so gerne ich den Content auf The Well gelesen habe, so schwer ist es mir gefallen, an dieser Community aus San Francisco regelmäßig teilzunehmen, schon alleine wegen der Zeitzonendifferenz.

Ich bin 1999 zu ProSieben gekommen. Während mich das Geschäft mit TV-Werbung wirklich fasziniert hat – und ich finde TV-Media immernoch sehr interessant – wurde ich mit Display-Werbung online nie warm. Die PI- und Click-Logik war mir nicht sympathisch; und die Preise im bereich von wenigen Cent pro Tausend Werbekontakte gaben meiner Einschätzung hinsichtlich der Wertlosigkeit dieser Mediengattung damals recht. Erst durch Blogs und schließlich  durch Social Media und vor allem durch Twitter, hat sich meine Internetnutzung völlig verändert. Social Media waren für mich der perfekte Content für Smartphones mit Kamera: 2008 war für mich das Twitpic-Jahr.

Gibt es Fehler, die Du auf Deinem Weg gemacht hast und wie können andere diese vermeiden?

Bei The Well habe ich mich nicht getraut, die wirklich interessanten Leute anzusprechen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Dabei war die Community winzig klein und die Kultur völlig offen und einladend! Diesen Fehler machen heute viele Leute in den Social Networks des Web 2.0. Mein Ratschlag ist: Folgt schnell ganz vielen Leuten; und zwar richtigen  Menschen, nicht irgendwelchen News-Feeds, Medien-Accounts oder Celebrities, auch wenn Twitter und Facebook euch genau diese Accounts in ihren Wem-soll-ich-folgen?-Listen geradezu aufdrängen. Am einfachsten sucht man sich einige Leute, die man wirklich interessant findet (z.B. weil man ihr Blog liest) und folgt dann einfach wahllos den Menschen,
denen diese Leute selbst auch folgen.

Welche Wege empfiehlst Du Einsteigern oder denen, die sich in Sachen digitale Kommunikation fortbilden wollen?

Für die persönliche Nutzung von digitaler Kommunikation gibt es nur Eines: selber machen! Am besten im Bekanntenkreis herumhören, wer schon länger twittert und sich „anhängen“. Den schnellsten Einstieg in die Kultur gibt es durch eine Teilnahme an der re-publica Konferenz.

Welches ist Dein bevorzugtes soziales Netzwerk und warum?

Twitter ist mein wichtigstes Social Network. Meine gesamte Community ist auf Twitter, jede Menge Wissenschaftler, Autoren … Praktisch alle Leute, die ich interessant finde, teilen auf Twitter, was sie denken und auf was sie in der Welt gestoßen sind. Sabria David, die mit Benedikt und mir das Slow Media Manifest geschrieben hat, habe ich auf Twitter  kennengelernt. Auch Michael Reuter, mit dem ich meine Firma Datarella gegründet habe, kenne ich über Twitter! (Also von wegen „virtuelle Welt“…)

Welche aktuellen Entwicklungen in der digitalen Kommunikation findest Du besonders spannend?

Drei Trends finde ich sehr spannend:

Mit Wearable Tech, also Mobiltechnologie, die als Accessoire getragen wird, kommt ganz neuer Content: Die persönlichen Daten, die von diesen
Geräten eingesammelt werden und mit denen ebenso Geschichten erzählt werden, wie durch die Posts auf Facebook oder Twitter. Leute, die eine Smartwatch tragen, verändern ihr Verhalten: Sie sehen ziehen viel seltener ihr Smartphone aus der Tasche. Das wird einiges an der Mediennutzung verschieben. Smartphones sind inzwischen zum nutzungsintensivsten Medium geworden. Durch die Apple Watch, die in Kürze auf den Markt kommt, werden dann die Smartwatches zum ‚Second Screen‘. Die Avantgarde dieser Technologie ist die Bewegung des „Quantified Self“.

Der zweite Trend heißt: Augmented Ubiquity (oder auch Internet of Things, IoT). Dinge bekommen eine digitale Identität. Rauchmelder und Thermostate machen den Anfang von sinnvollen und tatsächlich marktfähigen Anwendungen im „Connected Home“. Wifi-Signale und Beacons überziehen unsere Städte mit einem feinmaschigen Netz, indem jedes Gerät
exakt seinen Ort identifizieren kann. Für Augmented Reality müssen wir nicht auf Google Glass warten. Unsere Smartphones sind „die Brillen“, mit denen wir unsere Umgebung durch zusätzliche Daten anreichern.

Big Data bedeutet dabei einen Paradigmenwechsel, wie wir mit Daten umgehen. Es geht also um viel mehr als einfach nur um „viele Daten“. Die Werkzeuge, die Big Data uns bereitstellt, ermöglichen, die beiden ersten Trends – Wearables und Augmeted Ubiquity – sinnvoll zu verbinden. Aus den Daten, die unsere Geräte über uns selbst und unsere Umwelt sammeln,
machen wir mit Big Data Geschichten. Content entsteht in Zukunft zunehmend automatisch.

Der dritte Trend ist Slow Media, quasi die Antwort auf die beiden Ersten. Wie wir 2010 in unserem Slow Media Manifest geschrieben haben: „In Zukunft wird es weniger darum gehen, neue Technologien zu finden, die das Produzieren von Inhalten noch leichter, schneller und
kostengünstiger gestalten. Stattdessen wird es darum gehen, angemessene Reaktionen auf diese Medienrevolution zu entwickeln.“ Die Diskussion um Trolle, um Sexismus, aber auch die Perspektive für Inklusion und eine freiere, offenere Gesellschaft hat glaube ich erst begonnen.
Kosmopolitismus und Liquid Culture sind die spannensten Themen überhaupt, die für mich unter dem Ansatz von Slow Media entfaltet und besprochen werden.

Gibt es noch etwas, das Du den Lesern zum Thema Social Web oder digitale Kommunikation allgemein mitgeben möchtest?

1) Publish quickly, edit later.
2) Follow boldly, filter later.
3) Try out early, keep on moving.

Herzlichen Dank für Deine Antworten, Jörg! 🙂

In der kommenden Woche wird Anke von Heyl zu Wort kommen.
Alle Interviews können nachgelesen werden unter
http://www.schwindt-pr.com/tag/meinweginsweb/

„Do it, Baby!“ – Interview mit Sabria David zu #meinweginsweb

Sabria David

Wenn etwas meinen Weg ins Web entscheidend mitgeprägt hat, dann war es das Slow Media Manifest! Dass ich mit einem der drei Verfasser, nämlich mit Sabria David, später sogar mal befreundet sein würde und wir uns gegenseitig inspirieren würden, hätte ich damals nicht geglaubt. Jetzt hat sie meine Fragen zu ihrem eigenen Weg in die digitale Welt beantwortet:
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Bitte stelle Dich kurz vor (Name, Ort, Tätigkeit, Website, Facebook, Twitter, Google+, drei Hashtags)

Ich bin Sabria David, Mitgründerin des Slow Media Instituts, Bonn. Wir beraten und forschen zu den Auswirkungen des digitalen Wandels. Ich bin Medientheoretikerin und Medienpraktikerin, von Hause aus Literatur- und Kulturwissenschaftlerin, geübte Kommunikationsexpertin, Erfinderin des Digitalen Arbeitsschutz und Mitautorin des Slow Media Manifests und der Declaration of Liquid Culture.

Seit wann bist Du online unterwegs, wann hast Du angefangen zu bloggen und wann bist Du dem ersten sozialen Netzwerk beigetreten? Wie bist Du dazu gekommen?

Meine Medienbiographie sieht so aus: Seminar- und Examensarbeiten habe ich noch auf einer elektrischen Schreibmaschine geschrieben (Gabriele von Triumph Adler mit Karbonband, erinnert euch an das schlackende Geräusch beim Schreiben). Erste Begegnung mit dem Internet hatte ich in den 90ern noch in Agenturzeiten, wo im ersten Stock eine einzige Kollegin einen Zugang hatte und wir alle staunend drumherumstanden. Eine eigene Website hatte ich schon sehr früh, besonders spannend fand ich das aber noch nicht, auch Second Life nicht.

Interessant wurde es aber für mich dann Mitte der 2000er mit einem großen Kundenprojekt, bei dem von „Open Source Philosophie“ und „Community Gedanke“ die Rede war. Da habe ich aufgehorcht und dachte, Holla, was ist das, was machen die da und warum? Wie funktioniert das? Mir ist dann ziemlich bald die Parallele der Entstehung von kollaborativen Open Source Werken zu der Entstehung von Volksmärchen aufgefallen, und da wusste ich: Ja, das funktioniert, und das ist sehr spannend. Das war der Anfang meiner Theorie und meiner Forschung zum digitalen Wandel, zu offenen und geschlossenen Werken und zu der Re-Oralisierung der Schriftkultur. Eigener Blog und Twitter folgten dann 2008.

Gab es Menschen, die Dich persönlich oder durch Ihre Veröffentlichungen bei Deinem Einstieg ins Social Web begleitet haben?

Es gab Menschen, die mich in persönlichen Begegnungen und im Gespräch, in der Auseinandersetzung mit den Erscheinungen rund um Web 2.0 und Kollaboration technikphilosophisch neugierig gemacht haben – und solche, die mich auch praktisch in die Nutzung von Blogs und sozialen Netzwerken begleitet haben. Eine Schrift, die mich über lange Zeit sehr inspiriert hat, ist das legendäre Cluetrain Manifest. Grade sind ja die „New Clues“ erschienen, da schließt sich für mich auch ein Kreis.

Wie hat sich Dein Weg in Sachen digitale Kommunikation dann bis heute weiterentwickelt (nenne die wichtigsten Meilensteine)?

Das Bloggen war für mich eine große Befreiung. Endlich in Ruhe die eigenen Gedanken ausführen und weiterdenken, ohne dass einem irgendein Gatekeeper reinquatscht. Gleichzeitig kommt man mit anderen ins Gespräch und kann seine eigenen Thesen an der Wirklichkeit überprüfen und weiterentwickeln. 2010 habe ich mit Benedikt Köhler und Jörg Blumtritt dann das Slow Media Manifest geschrieben. Es ist selbst kollaborativ auf einem Etherpad entstanden und das Ergebnis vieler Gespräche und Auseinandersetzungen auf Twitter, in Blogs, Kommentaren und im echten Gegenüber. Es ist inzwischen in 8 Sprachen übersetzt und wirklich um die Welt gegangen. Wir haben Backlinks aus über 30 Ländern, Bezugnahmen aus den verschiedensten Disziplinen. Eine überraschende Resonanz, die bis heute andauert. In Australien, Frankreich, Finnland werden Doktor- und Examensarbeiten über uns geschrieben. Prof. Jennifer Rauch aus New York nennt Slow Media ein „global subcultural movement“. Das ist schon spooky, auch, weil ja jeder „slow“ als „die mögen keine digitalen Medien“ missverstehen kann.

Mit dem Digitalen Arbeitsschutz mache ich unsere Slow Media Theorie für die Arbeitwelt anwendbar. Ich finde, eine Theorie ist nur dann gut, wenn sie auch praktikabel und zum Nutzen der Menschen anwendbar ist – und das ist sie.

Weitere Meilensteine sind die Declaration of Liquid Culture, die wir 2012 geschrieben haben, und vor kurzem meine Wahl ins Präsidium von Wikimedia Deutschland.

Gibt es Fehler, die Du auf Deinem Weg gemacht hast und wie können andere diese vermeiden?

Ich unterschätze immer wieder, wie weit die Kluft zwischen On- und Offlinern doch noch ist. Um einen Offliner in die Welt der digitalen Kultur (kollektive Autorschaft, Sharing Culture, Diskursiviät, permanent beta) zu begleiten, muss man ganz, ganz niedrigschwellig und kleinschrittig sein. Dabei erfindet ja das Digitale die Welt nicht neu, es gibt im Gegenteil sehr viele Faktoren, die einem kulturhistorisch und gesellschaftlich durchaus vertraut sind.

Welche Wege empfiehlst Du Einsteigern oder denen, die sich in Sachen digitale Kommunikation fortbilden wollen?

Ich empfehle Gespräche mit begeisterten aber nicht betriebsblinden Onlinern. Inspiration ist ein wichtiger Faktor – und die Bereitschaft, sich anstecken zu lassen.

Welches ist Dein bevorzugtes soziales Netzwerk und warum?

Ich liebe Twitter, meinen digitalen Salon. Ich habe dort tolle Gespräche geführt und wichtige Menschen getroffen. Twitter ist ein großer Schatz und es ist das Medium, auf das ich am wenigsten verzichten möchte.

Welche aktuellen Entwicklungen in der digitalen Kommunikation findest Du besonders spannend?

Eine wichtige Frage finde ich, wie uns die Transformation zu einer postdigitalen Gesellschaft gelingt – wo also Digitales selbstverständlich geworden ist und die Potentiale des Digitalen auf eine konstruktive und gesunde Weise integriert sind. Dazu gehört auch, dass wir als Nutzer uns die Hoheit über die Technik wieder zurückerobern. Das Internet zwingt uns, erwachsen zu werden, und das sind wir längst noch nicht.

Ein andere wichtige Frage ist eine gesellschaftspolitische: Wie gelingt es uns als Gesellschaft, die gemeinwohlorientierte digitale Kultur jenseits privatwirtschaftlicher Interessen zu stärken? Identität, Bindung, Souveränität, Bezug- und Kontaktaufnahme sind wichtig für die Resilienz (also Widerstandsfähigkeit und Fähigkeit mit Veränderungen umgehen zu können) einer Gesellschaft und auch von Unternehmen. Die digitale Kultur kann da sehr viel Wertvolles beitragen.

Gibt es noch etwas, das Du den Lesern zum Thema Social Web oder digitale Kommunikation allgemein mitgeben möchtest?

Do it, Baby!

Herzlichen Dank fürs Mitmachen, liebe Sabria,
und auf much „more intensity“! 😉

Foto: Anja Krieger

In der kommenden Woche beantwortet Björn Eichstädt meine Fragen.
Alle Interviews dieser Reihe können nachgelesen werden unter
http://www.schwindt-pr.com/tag/meinweginsweb/