Mehr RSS-Feeds und Social Bookmarking nutzen! – Christian Henner-Fehr im Interview zu #meinweginsweb

Christian Henner-Fehr

Mein heutiger Interviewpartner war einer meiner allerersten Twitterkontakte und hat sich auch darüber hinaus immer wieder hilfreich in meine Arbeit eingebracht. So fand meine erste Onlinezuschaltung zu einem StartConference auf seine Initiative hin statt und er war es auch, der mir 2009 riet, meine auf zehn Teile geplante Artikelserie über Facebook zu meinem ersten E-Book zusammenzufassen und zum Download bereitszustellen. Ich freue mich daher ganz besonders, dass Christian Henner-Fehr die Fragen zu meiner Interviewreihe ebenfalls beantwortet hat:

Bitte stelle Dich kurz vor (Name, Ort, Tätigkeit, Website, Facebook, Twitter, Google+, drei Hashtags)

Christian Henner-FehrIch heiße Christian Henner-Fehr und lebe in Wien. Vor rund 20 Jahren habe ich mich als Kulturberater bzw. Kulturmanager selbständig gemacht und beschäftige mich hauptsächlich mit den Themen Kulturfinanzierung, Projektmanagement und Social Media. 2008 entwickelte ich zusammen mit Karin Janner, Christian Holst und Frank Tentler die Idee der stARTconference, die bis 2011 insgesamt dreimal in Duisburg stattfand. Seitdem gibt es  die stARTcamps, die in ganz Deutschland und Österreich stattfinden und sich jeweils zu regionalen Netzwerken entwickelt haben. Sie werden vor Ort von kleinen Teams organisiert und tragen dazu bei, dass die stART-Community auch heute noch existiert.

Seit wann bist Du online unterwegs, wann hast Du angefangen zu bloggen und wann bist Du dem ersten sozialen Netzwerk beigetreten? Wie bist Du dazu gekommen?

Online bin ich schon seit Mitte der neunziger Jahre. Ich habe das Geräusch eines Modems, das die Verbindung zum Internet aufzubauen versucht, noch im Ohr und ich kann mich daran erinnern, wie ich manchmal geduldig, meist aber ungeduldig darauf wartete, dass sich eine Website aufbaute beziehungsweise ich wieder ein paar Sekunden Video sehen durfte. Irgendwann war das Internet so „schnell“, dass ich mich auf die Suche nach Inhalten rund um das Thema Kulturmanagement machte. Im deutschsprachigen Raum gab es da leider gar nichts, aber dafür in den USA. Ich fand jede Menge interessanter Seiten, die sich mit Kulturmanagement, aber auch Kulturmarketing oder PR beschäftigten. Erst später, um das Jahr 2005 herum, bekam ich mit, dass es sich dabei um Blogs handelte. Ich fand es damals beeindruckend, dass es da Menschen gab, die ihr Wissen einfach so preisgaben und  über ihre täglichen Erlebnisse in Museen, Opern- Theater- oder Konzerthäusern berichteten.

So etwas wollte ich auch, auch wenn ich gar nicht in einer großen Kultureinrichtung arbeitete. Aber es dauerte noch ein Jahr, bis ich ganz mutig auf wordpress.com ein Blog einrichtete, das es auch heute noch gibt und mittlerweile knapp 1.800 Beiträge „dick“ ist, das Kulturmanagement Blog. Da ich aber anfangs nicht so recht wusste, worüber ich schreiben sollte, von Zielen ganz zu schweigen, ließ ich das Blog erst einmal Blog sein und wagte mich erst 2007 damit an die Öffentlichkeit. Wie wohl die meisten hatte ich Angst davor, etwas Falsches zu schreiben und beschränkte mich deshalb auf die Wiedergabe von Fakten. Aber ich wurde schnell mutiger und verlor nicht nur die Angst, sondern merkte auch, welches Potenzial in so einem Blog steckt.

Was aber noch wichtiger ist: Mir machte das Schreiben unheimlich Spaß und so schrieb ich in den ersten zwei Jahren fast täglich einen Blogbeitrag und liebte die Diskussionen auf anderen Blogs. Ende 2007 machte ich dann meine erste Bekanntschaft mit Twitter und Facebook. Während mir Facebook sehr gut gefiel, hatte ich mit Twitter so meine Probleme. Erstens wusste ich nicht so recht, was ich damit sollte und zweitens nervte der Wal, der immer dann zu sehen war, wenn die Server mal wieder überlastet waren. Leider waren  sie oft überlastet und so hatte ich nach sechs Monaten genug und löschte meinen Account. Erst 2008 wagte ich den zweiten Versuch und diesmal klappte es. Ich fand Gefallen daran und bin bis heute dankbar dafür, dass der @kulturmanager damals noch zu haben war.

Ansonsten probiere ich natürlich gerne neue Tools und Netzwerke aus. Selten bleibe ich bei einem hängen, meist verabschiede ich mich nach ein paar Tagen wieder. Aber natürlich sind im Laufe der Zeit auch einige Tools verschwunden, die ich sehr gerne genutzt hab. Leid tut es mir vor allem um Friendfeed, ein wirklich tolles Netzwerk, das die Kombination von Twitter und dem frühen Facebook war. Außerdem hat mir Google Wave sehr gut gefallen.

Gab es Menschen, die Dich persönlich oder durch Ihre Veröffentlichungen bei Deinem Einstieg ins Social Web begleitet haben?

Jede Menge, aber es würde den Rahmen sprengen, sie hier alle zu nennen. Zwei möchte ich aber trotzdem erwähnen. Da ist zum einen Matthias Schwenk mit seinem Blog bwl zwei null. Er war der erste, der auf meinem Kulturmanagement Blog kommentiert hat, daran erinnere ich mich heute noch. Wir sind nun schon seit vielen Jahren miteinander in Kontakt, haben uns aber noch nie persönlich getroffen. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir das irgendwann einmal schaffen.

Und dann ist da noch Adam Thurman, der so wie ich Anfang 2007 mit dem Bloggen begonnen hat und sich in seinem Mission Paradox Blog mit Kulturmarketing beschäftigt. Er steht stellvertretend für all die tollen Blogs, die es im angelsächsischen Raum rund um die Themen Kulturmanagement und -marketing gibt.

Wie hat sich Dein Weg in Sachen digitale Kommunikation dann bis heute weiterentwickelt (nenne die wichtigsten Meilensteine)?

Ich bin immer wieder überrascht, wie schnell sich das digitale Rad dreht. Von meinen Anfängen als Blogger spreche ich, als wäre es vor dreißig Jahren gewesen. Dabei sind es erst lächerliche acht Jahre. Für mich war es toll zu sehen, wie sich das Blog entwickelt. Ein wichtiger Schritt war sicher die stARTconference. Als kleiner Arbeitskreis gedacht, wurde daraus eine richtige Konferenz, wo wir doch keine Ahnung hatten, wie man so etwas organisiert. Es war der reine Wahnsinn und ehrlich gesagt, hatte ich ein Riesenglück überhaupt dabei sein zu können. Eine Lungenembolie zwei Wochen davor hätte mir beinahe einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Im Laufe der Jahre haben sich natürlich die Themen verändert, mit denen ich mich beschäftige. Aber auch meine ganze Kommunikation hat sich verändert. Es ist zwar toll zu sehen, wie der Erfolg sich nach und nach einstellt. Aber das heißt auch, dass ich einfach nicht mehr jede Mail beantworten kann und auch die Zahl der Blogbeiträge ist stark zurückgegangen.

Social Media, das war anfangs hauptsächlich die Frage, wie die einzelnen Netzwerke funktionieren. Dass das erst der Anfang einer Entwicklung war, die die gesamte Unternehmenskultur über den Haufen wirft, war mir anfangs nicht klar. Heute beschäftigt mich die Frage, wie sie sich in Kulturbetrieben verändern lässt? Nicht nur, um das Potenzial von Social Media ausschöpfen zu können, sondern um überleben zu können in einer Welt, die durch zahlreiche disruptive Innovationen ziemlich durcheinandergewirbelt worden ist und wohl noch einiges an Veränderung erfahren wird.

Die Art, wie wir kommunizieren, bildet im Endeffekt die Realität ab und da sehen wir, dass die Grenzen zwischen vielen Bereichen verschwimmen. Das Crowdfunding ist dafür ein schönes Beispiel. Ursprünglich rein als Finanzierungsinstrument verstanden, sollten wir es heute auch als Marketinginstrument sehen. Das heißt zum Beispiel für Kulturbetriebe: Abteilungen, die früher vielleicht wenig oder gar nichts miteinander zu tun hatten, müssen heute eng zusammenarbeiten, um erfolgreich zu sein. Vielleicht ist es irgendwann eine Abteilung, aus der heraus Crowdfunding und Marketing betrieben werden?

Diese Entwicklung zeigt, wie komplex viele Aufgaben geworden sind. Da wir alleine gar nicht über das entsprechende Know-How verfügen, müssen wir Netzwerke schaffen, die uns die Realisierung unserer Ideen ermöglichen.

Besonders klar ist mir das im Sommer geworden, als es darum ging, für die Stadt Bregenz das Konzept für einen digitalen Erlebnisraum zu entwickeln. Ohne das Wissen und die Erfahrung von Nadja Bauer, Frank Tentler und Martin Adam wäre es gar nicht möglich gewesen, ein Modell zu kreieren, das ganz stark auf die User Experience aufbaut und eine App vorsieht, in der nicht nur Kulturbetriebe ihre Inhalte zur Verfügung stellen, sondern all diejenigen, die rund um den Besuch einer Kulturveranstaltung für die Besucher eine wichtige Rolle spielen. Etwa die öffentlichen Verkehrsmittel, mit denen man an- und abreist.

Gibt es Fehler, die Du auf Deinem Weg gemacht hast und wie können andere diese vermeiden?

Als ich mit dem Bloggen begann, hatte ich große Angst vor fachlichen Fehlern in meinen Blogbeiträgen. Was werden die Leute denken, wenn ich etwas Falsches schreibe und wie kann ich mich davor schützen, waren meine Gedanken. Zum Glück habe ich recht schnell begriffen, dass Fehler nicht schlimm sind, ganz im Gegenteil. In anderen Teilen der Welt sagen sie: Du hast einen Fehler gemacht, Du wirst es beim nächsten Mal besser machen. Bei uns bekommt man oft keine zweite Chance. Ein Unternehmer zum Beispiel, der pleite gegangen ist, wird von der Bank kaum die Mittel für den zweiten Versuch bekommen.

Vielleicht sollten wir Fehler nicht einfach nur als Fehler sehen, sondern als Chance, es beim nächsten Mal besser zu machen. Keinen Fehler zu machen bedeutet Stillstand und den möchte doch niemand von uns, oder?

Welche Wege empfiehlst Du Einsteigern oder denen, die sich in Sachen digitale Kommunikation fortbilden wollen?

Ich bin sicher nicht der erste, der auf diese Frage antwortet: Am besten ist es, die Sachen einfach auszuprobieren und dabei Spaß zu haben. 🙂 Allerdings möchte ich das etwas einschränken: Wir können uns auf diese Weise mit Twitter, Facebook & Co. vertraut machen und lernen, wie die Tools und Netzwerke funktionieren. Aber das ist nur die halbe Miete, denn es gibt noch die Ebene darüber, auf der es um die Frage geht, was wir damit eigentlich erreichen wollen? Auf der strategischen Ebene einfach mal zu machen, Spaß zu haben und zu schauen, was dabei herauskommt, führt ziemlich sicher nicht ans Ziel. Hier sollte man also seine Hausaufgaben bereits gemacht haben.

Ich selbst bilde mich hauptsächlich durch Bücher und Inhalte, die mir das Internet zur Verfügung stellt weiter. Ein wichtiges Instrument ist neben dem RSS-Reader Feedly eine App, die sich Zite nennt und mich jeden Tag mit Informationen in von mir gewählten Themenfeldern versorgt. Leider funktioniert das bis heute nur mit englischsprachigen Inhalten, aber vielleicht gibt es ja irgendwann mal ein deutschsprachiges Pendant dazu.

Welches ist Dein bevorzugtes soziales Netzwerk und warum?

Ich bin immer noch ein großer Fan von Twitter und nutze es auch wirklich gerne. Aber zugegeben, es ist etwas gewöhnungsbedürftig, denn wer versteht schon auf Anhieb, was sich hinter den einzelnen Kürzeln verbirgt. Für mich es eine Art Tor zur Welt, denn es gibt, denke ich, kein anderes Netzwerk, in dem die Hürde, andere Menschen zu kontaktieren, so niedrig ist.

Auf der anderen Seite ist es ein ungeheuer großer Wissensspeicher. Ich erinnere mich an einen Blogbeitrag, in dem der Autor Twitter mit Wikipedia verglichen hat. Anfangs fand ich den Vergleich etwas komisch, aber da ist schon was dran: Sowohl Wikipedia als auch Twitter enthalten eine gigantische Summe an Informationen. In beiden Fällen ist die Zahl derer, die sich aktiv daran beteiligen, recht niedrig, während die große Masse sich passiv verhält und die Inhalte konsumiert.

Außerdem möchte ich an dieser Stelle gerne noch eine Lanze brechen für RSS-Feeds und Social Bookmarking-Tools. Ich kann gar nicht verstehen, dass nicht mehr User davon Gebrauch machen, um die Vielzahl an Inhalten in den Griff zu bekommen. Vielleicht wird aber auch einfach nur zu selten darauf hingewiesen, welche mächtigen Instrumente wir da zur Verfügung haben. Deshalb nutze ich die Chance und versuche es, in einem Satz zu erklären: Während ich mit Hilfe von RSS-Feeds davon erfahre, dass neue Inhalte auf einer Seite zu finden sind, kann ich die einzelnen Inhalte, so sie mich interessieren, mit einem Social Bookmarking-Tools abspeichern und später bei Bedarf wiederfinden. Auf diese Weise spare ich sehr viel Zeit. Zeit, die mir dann für andere Dinge zur Verfügung steht.

Welche aktuellen Entwicklungen in der digitalen Kommunikation findest Du besonders spannend?

Besonders faszinierend finde ich die Entwicklungen im Bereich des mobilen Webs. Die User nutzen das Web überall dort, wo sie es gerade brauchen, ob das in einer fremden Stadt, in einer Einkaufsstraße oder einem Museum ist. Die Anbieter vor Ort haben verschiedene Möglichkeiten, mit den Usern oder besser gesagt Besuchern zu interagieren. Augmented Reality oder iBeacons sind nur zwei Möglichkeiten, die mich unheimlich interessieren.

Ein weiteres spannendes Thema ist die interne Kommunikation in Unternehmen. Während wir mit unseren Zielgruppen via Blog, Facebook oder Twitter kommunizieren, bleiben wir intern bei der guten alten Mail und einem gemeinsamen Laufwerk. Da gibt es mittlerweile andere Möglichkeiten, die aber, so denke ich, die Unternehmenskultur gewaltig verändern können und so Einfluss nehmen auf die Bereiche Management und Leadership.

Gibt es noch etwas, das Du den Lesern zum Thema Social Web oder digitale Kommunikation allgemein mitgeben möchtest?

Ja, vergessen Sie nicht, der Computer lässt sich auch ausschalten. 😉

Herzlichen Dank für deine Antworten, lieber Christian! 🙂
Foto: Karola Riegler

Alle Interviews dieser Reihe können nachgelesen werden unter
http://www.schwindt-pr.com/tag/meinweginsweb/.
Im neuen Jahr geht es mit dieser wöchentlichen Serie weiter.