Gelegenheiten beim Schopfe packen – Interview mit Gunnar Sohn zu #meinweginsweb

Gunnar Sohn

Wenn es um Hangouts on air oder sonstige Fragen zu Video und Streaming geht, dann ist mein heutiger Interviewgast Gunnar Sohn mein Ansprechpartner Nummer eins! Da er wie ich regelmäßiger Teilnehmer des Social Media Chat Bonn ist, kennen wir uns auch persönlich und diskutieren live oder online gern über diverese digitale Themen. Deshalb war ich gespannt, etwas mehr über seinen digitalen Werdegang zu erfahren und habe ihn gebeten, doch auch an dieser Interviewreihe teilzunehmen. Hier kommen seine Antworten:

Gunnar SohnBitte stelle Dich kurz vor (Name, Ort, Tätigkeit, Website, Facebook, Twitter, Google+, drei Hashtags)

Gunnar Sohn, Baujahr 1961 – in Berlin vor dem Bau der Mauer geboren, an der FU-Berlin Volkswirtschaft studiert (Post-Keynesianismus in Hardcore-Variante), lebe als Berliner Hertha-Fan seit 1989 in Bonn, Wirtschaftspublizist, Kolumnist, Moderator, Buchautor, Entwicklung von Kommunikationsformaten und Workshops, Organisation von virtuellen Experten-Runden.

Seit wann bist Du online unterwegs, wann hast Du angefangen zu bloggen und wann bist Du dem ersten sozialen Netzwerk beigetreten? Wie bist Du dazu gekommen?

Seit Mitte der 1990er Jahre bin ich online aktiv, damals noch in Funktionen als Pressesprecher und Leiter der Unternehmenskommunikation. Die erste eigene Website entstand 1998 – mit dem Bloggen ging es 2007 los. Im Folgejahr bin ich dann auf Facebook und Twitter aktiv geworden. Es war reine Neugier, die Möglichkeiten des Mitmach-Webs in allen Facetten zu testen. Meine Arbeitsweise hat sich dadurch grundlegend geändert.

Gab es Menschen, die Dich persönlich oder durch Ihre Veröffentlichungen bei Deinem Einstieg ins Social Web begleitet haben?

In meinem Bekannten- und Freundeskreise haben mich fast alle für bekloppt erklärt. Das tun sie heute immer weniger 😉 Die netzpolitische Szene hat mich mehr inspiriert – vor allem Spreeblick, Sascha Lobo, Christoph Kappes und Co.

Wie hat sich Dein Weg in Sachen digitale Kommunikation dann bis heute weiterentwickelt (nenne die wichtigsten Meilensteine)?

Der Start von ichsagmal.com und meine Social Web-Aktivitäten sind die entscheidenden Bausteine für meine beruflichen Projekte. Was das bedeutet, hat Andreas Weck vor zwei Jahren gut auf den Punkt gebracht http://www.netzpiloten.de/6-fahigkeiten-die-der-journalist-von-heute-drauf-haben-sollte/:

„Multimedia-Storytelling ist das Buzz-Wort unter den Digitalos der Journalisten. Es bedeutet, dass man sich nicht nur damit befasst Wörter in die Tastatur zu tippen, sondern seine Geschichte neben der allseits bekannten Textform auch mit selbstproduzierten Grafiken sowie Video- oder Audio-Files anzureichern. Der European-Kolumnist und Netzpiloten-Autor Gunnar Sohn weiß um den Erfolg dieser neuen Anforderung und unterlegt seine Artikel nicht selten mit informativen Video- und Audio-Interviews. Gerade die Google-Hangout-Funktion bietet neue ungeahnte Möglichkeiten, die einem zudem auch autodidaktisch lernen lässt.“

Ich experimentiere mit Technologien, Formaten und aufkommenden Social Web-Trends und verbinde sie mit meinen Projekten. Wenn ich mir die Popularisierung der Livestreaming-Dienste wie Periscope und Meerkat anschaue, liege ich mit meiner Einschätzung von der Revolution der TV-Autonomen, die ich seit drei Jahren kommuniziere, gar nicht so falsch. Aktuell sind es Live-Hangout-Formate zu netzökonomischen Themen, die mich faszinieren.

Gibt es Fehler, die Du auf Deinem Weg gemacht hast und wie können andere diese vermeiden?

Ich mache Fehler am laufenden Band und würde jedem raten, Dinge auszuprobieren und Fehler zu machen. Nur dann wird man besser.

Welche Wege empfiehlst Du Einsteigern oder denen, die sich in Sachen digitale Kommunikation fortbilden wollen?

Herumprobieren, statt schwadronieren. In der digitalen Sphäre ist es schwierig, irgendwelche Pläne oder Ziele zu verfolgen: „Alle Thesen und Prognosen, die wir in der Vergangenheit aufgestellt haben, sind nicht in Erfüllung gegangen“, so der ernüchternde Rückblick von Jochen Wegner, Chefredakteur von „Zeit Online“, auf seine Berufserfahrungen mit Internet-Trends. „Nichts von dem, was wir prognostiziert haben, ist wahr. Nur eine einzige These ist übrig geblieben und die lautet: „Alle Thesen im digitalen Journalismus sind falsch.“

Dennoch gibt es eine Sehnsucht nach einfachen und allgemein gültigen Thesen, die immer wieder in die Öffentlichkeit geblasen werden – was wohl am schlechten Gedächtnis der Thesenautoren liegt. Wegner benennt einen Springer-Vorstand, der beklagte, dass es in den frühen Tagen des World Wide Web nicht gelungen sei, eine Bezahlinfrastruktur zu etablieren. Solche Leute saßen damals wohl in Meetings ihrer Kinderkrippe. Es gab ein Wettrennen zwischen AOL mit geschlossenen, kostenpflichtigen sowie exklusiven Medieninhalten und dem freien Internet. „Das offene Internet hat damals gewonnen. Alle Online-Verlagsmodelle dieser Zeit sind gescheitert, wenn sie Geld verlangt haben“, erläutert Wegner.

Sein Credo finde ich sehr sympathisch: Durchwursteln sowie Schritt für Schritt besser werden. Statt die Zeit mit (Lehr)Plänen zu verschwenden, sollte man sich als Beobachter des Zufalls bewähren. Oder wie es der Ökonom Israel Kirzner ausdrückt: Man sollte ein Häscher des Okkasionellen sein – ein Chancenverwerter. Occasio ist die Göttin der Gelegenheit mit einem nach vorne fallenden Haarschopf, an dem man sie zu ergreifen hat; wer diesen Augenblick verpennt, hat keine zweite Chance, denn von hinten ist die Dame kahl.

Welches ist Dein bevorzugtes soziales Netzwerk und warum?

Zur Zeit Facebook und Twitter. Die Zuckerberg-Plattform bringt die besten Netzwerk-Effekte, der Kurznachrichten-Dienst ist eine unverzichtbare Quelle der Echtzeit-Kommunikation.

Welche aktuellen Entwicklungen in der digitalen Kommunikation findest Du besonders spannend?

Natürlich die Livestreamings-Apps Meerkat und Periscope. Was habe ich mir in den vergangenen Jahren die Finger wund geschrieben über die Möglichkeiten im Netz, auch die letzte massenmediale Bastion zu stürmen: Live-TV.

Mein Favorit war dabei der Google-Dienst Hangout on Air, der nach wie vor die meisten Möglichkeiten bietet. Nicht nur Einzelübertragungen, sondern Liveschalte mit mehreren Teilnehmern, Einspieler, Außenreportagen, Livestreaming via Drohnen, Greenscreening, Youtube als virtueller Rekorder für die Anschlusskommunikation im Netz, verschiedene sinnvolle Apps wie die Hangout-Toolbox und vieles mehr.

Den Hintern hat Google mit Hangout on Air nie so richtig hoch bekommen. Das liegt wohl an der engen Bindung mit Google Plus – eher ein träges Social-Web-Grab. Da muss und wird der Mountain-View-Konzern nachlegen. Erdmännchen und Seerohr werden die Echtzeit-Kommunikation mit Bewegtbildern auf eine neue Stufe heben durch die enge Anbindung an Twitter. Dadurch werden meine Follower sichtbarer und ich natürlich auch.

Gibt es noch etwas, das Du den Lesern zum Thema Social Web oder digitale Kommunikation allgemein mitgeben möchtest?

Man hört, sieht und streamt sich im Netz 🙂

 

Herzlichen Dank fürs Mitmachen, lieber Gunnar! 🙂

Nächstes Mal wird Christa Goede diese Fragen beantworten.
Alle Interviews dieser Reihe können nachgelesen werden unter
http://www.schwindt-pr.com/tag/meinweginsweb/