RSS 

"Mit vollem Herzen
bei der Sache"  

Annette Schwindt über Facebook, Online-Kommunikation, ihre Arbeit und ihre Kunden

Annette, du bist in Deutschland DIE Facebook-Expertin – und das nicht erst, seit dein Buch erschienen ist. Dein Blog erreicht Zugriffszahlen, von denen andere nur träumen. Auf deiner Facebook-Seite bist du praktisch ununterbrochen präsent. Du beantwortest mit viel Geduld wirklich alle Fragen zu diesem Social Network. Warum machst du das? Und vor allem: Wie schaffst du das alles?

Ich empfinde mich gar nicht als DIE Expertin für Facebook. Das alles hat sich einfach so entwickelt. Ich finde das alles immer noch höchst surreal, was da über mich hereingebrochen ist.

Die Community, die dabei entstanden ist, hat großen Anteil an meiner Arbeit. Zusammen entdecken wir Fragen, gehen ihnen auf den Grund, geben uns gegenseitig Tipps und dringen dabei immer tiefer in das sich rasend schnell erweiternde Facebook-Universum vor. Ich biete mit meiner Seite nur die Plattform für diesen Austausch. Dort und im Blog beantworte ich gern Fragen, wenn ich kann, oder verweise auf kompetente Kollegen.

Konkrete Beratungen gibt es aber nicht honorarfrei. Ich nehme auch nicht jeden Kunden an.

Dennoch: Viele deiner Kunden, die du berätst und deren Fanseiten und Websites du sehr professionell gestaltest, können dir nur ein vergleichsweise kleines Budget bieten. Auch hier die Frage: Wieso so viel Idealismus?

Die Kunden, mit denen alles angefangen hat und mit denen ich am liebsten arbeite, kommen aus dem kulturellen und sozialen Bereich. Dort sind die Budgets für gewöhnlich winzig. Gerade diese Projekte sind es aber, die eine gute Kommunikation dringend benötigen und mit denen sich noch richtig etwas bewegen lässt.

Dabei bekomme ich viel zurück: Erfahrung für die Arbeit an zukünftigen Projekten, Inspiration für meine eigenen Projekte und andere Gegenleistungen, die ich so gar nicht kaufen könnte. Das bereichert mein Leben und das meines Umfelds ungemein. Ich arbeite nicht um zu leben, sondern begreife meine Arbeit als bereichernden Teil meines Lebens.

Wie wichtig ist heute eine Facebook-Fanseite zu haben?

Spätestens seit Facebook den Like-Button eingeführt und von Freunden gepostete Links mit in die Suchergebnisse aufgenommen hat, verhält sich Facebook mehr und mehr wie eine eigene personalisierte Suchmaschine. Und diese Ausweitung des Facebook-Universums (Open Graph) hat gerade erst angefangen. Facebook hat sich so zu einem eigenen Web im Web entwickelt, das man nicht mehr ignorieren kann, wenn man seine Onlinereputation aktiv mitgestalten will.

Facebook hat sich schon lange zum Weitersageinstrument Nr. 1 gemausert. Und zwar für das Weitersagen von Menschen zu Menschen – eine Kommunikationsform, der wesentlich mehr vertraut wird als der klassischen Werbung.

Wer seinen regulären Webauftritt nicht für das Weitersagen auf Facebook optimiert und selbst nicht direkt auf Facebook präsent ist, verpasst damit einen der wichtigsten Multiplikatoren online.

Kann eine Facebook-Seite eine eigene Website ersetzen?

Es gibt zwar Beispiele, bei denen das so gemacht wird, aber damit macht man sich von dieser Plattform unnötig abhängig. Mit einer regulären Website ist das nicht so. Ich würde daher keinesfalls dazu raten, eine Facebook-Seite statt einer Website zu nutzen, sondern immer nur in sinnvoller Ergänzung zu ihr.

Wie sich Website und Facebook-Seite ergänzen, kann ganz verschieden gestaltet sein. Der Punkt dabei ist, Präsenz an dem Ort zu haben, an dem Interessantes von anderen sowieso schon weiterempfohlen wird, und aktiv Teil dieses Weitersagens zu werden.

Die meisten kennen dich definitiv als Facebook-Expertin. Aber du bietest ja mehr an. Wie sieht dein Spektrum aus und wo liegen deine Schwerpunkte?

Bei meiner Arbeit geht es um die Onlinekommunikation als Ganzes. Auch wenn ich eine reine Facebook-Beratung gebe, betrachte ich diese grundsätzlich im Zusammenhang mit den anderen Kommunikationsmaßnahmen des Kunden. Denn nur wenn diese alle sinnvoll aufeinander abgestimmt sind, können sie effektiv sein.

Daher umfassen meine Leistungen nicht nur Facebook, sondern auch Beratung zu Websites/Blogs (mit Wordpress als CMS beziehungsweise Blogsoftware), zu Foto- und Videosharing, zu Twitter, zum Bookmarking sowie zum Erstellen und zum Einsatz von Feeds. Ich bin auch mit HTML und CSS vertraut, gebe die Umsetzung inzwischen allerdings lieber ab und begleite sie dann rein beratend.

Wie siehst du dein Angebot im Gesamtzusammenhang von Social Media/Web 2.0?

Der Umbruch in der Kommunikation, der sich durch die neuen Medien vollzieht, wird gern mit der Erfindung des Buchdrucks verglichen. Was damals eine entscheidende Umwälzung für die Verbreitung von Informationen war, gehört heute zum Alltag. Mit den neuen Medien potenziert sich die Informationsverbreitung ebenfalls. Es ist also wichtig, den Anschluss nicht zu verlieren.

Aber genau das passiert im Moment. Während die einen schon ganz selbstverständlich mobil online sind und augmented reality und QR-Codes zu nutzen wissen, kennen andere nicht mal die elementarsten Regeln des E-Mail-Schreibens.

Ich möchte da gern vermitteln und Ängste nehmen. Deshalb habe ich auch Ja gesagt, als mich der O'Reilly Verlag fragte, ob ich „Das Facebook-Buch“ mit ihnen mache. Medienkompetenz unter die Leute zu bringen ist mir ein großes Anliegen.

Was rätst du jemandem, der ganz neu in das Thema Social Media und eigene Web-Präsenz einsteigen will?

Erst mal nur schauen, vergleichen, bewerten: Was gefällt mir, was nicht und wieso? Wie würde ich das gern machen? Zunächst privat in Social Media einsteigen und Erfahrungen als Nutzer machen, bevor man sich auf eine geschäftliche Präsenz einlässt. Einfach mal woanders Fan oder Follower werden und beobachten. Verschiedene Dienste ausprobieren und herausfinden, was einem liegt.

Wenn man dazu keine Zeit hat, einen Profi hinzuziehen und sich kompetent beraten und begleiten lassen.

Wichtig ist: im Social Web geht es um den gleichberechtigten Dialog zwischen Menschen! Wer sich darauf nicht einlassen, sondern nur verkaufen und Marketingbotschaften raus blasen will, wird hier scheitern.

Wie sieht dein idealer Kunde aus?

Aufgeschlossen, neugierig auf die neuen Medien, experimentierfreudig, bereit, seine Kommunikation organisch aufzubauen, langfristig denkend, nicht von Hierarchien abhängig. Und ich muss menschlich mit ihm/ihr können. Am liebsten jemand aus dem künstlerischen oder musischen Bereich oder jemand, der etwas mit Büchern zu tun hat. :-)

Wo grenzt du dich ab? Was würdest du niemals übernehmen?

Von Menschen, mit denen ich keine gemeinsame Basis habe. Ich bin ein sehr intuitiver Mensch. Wenn ich schon beim ersten Gespräch merke, dass der andere nur profitorientiert und schnell-schnell denkt oder dass er Inhalte vertritt, die ich nicht unterstützen kann, dann nehme ich denjenigen nicht an.

Was machst du mit Kunden, die du nicht selbst betreuen kannst oder willst?

Die gebe ich an Kollegen aus meinem Netzwerk weiter. Entweder ich vermittle gezielt den Kontakt an jemand Bestimmten, wenn ich denke, dass derjenige dafür besonders geeignet ist. Oder ich weise einfach auf die zu diesem Zweck angelegte Liste hin und lasse den Kunden entscheiden.

Du arbeitest nur online, telefonisch/per Skype und per Mail. Wenn ein Kunde dich persönlich sehen will, muss er dich besuchen – was ja schon deswegen selten ist, weil du für Menschen und Unternehmen in ganz Deutschland und sogar Europa arbeitest. Einerseits ist das sehr konsequent, dass du die Medien intensiv nutzt, zu denen du auch berätst. Nun ist eine Beratung ja andererseits sehr persönlich und es gehört viel Vertrauen dazu. Wie kommen denn deine Kunden mit dieser Form der überwiegend virtuellen Kommunikation klar?

Die meisten stört das nicht, weil es ja gerade um Onlinekommunikation geht. Sie sehen, dass es bei mir funktioniert und möchten Ähnliches für sich selbst erreichen. Sie vertrauen auf meine Kompetenz, weil ich sie online nachvollziehbar mache. Genau das ist Social Media.

Die meisten finde mich ja auch online über Suchmaschineneinträge zu meinem Blog, meine Facebook-Seite oder das Buchblog. Ich bitte auch dezidiert um Erstkontakt per Mail, da ich mir ja einen Eindruck von der bereits vorhandenen Onlinekommunikation machen muss, bevor ich etwas dazu sagen kann.

Was ist dir in deiner eigenen Arbeit am wichtigsten?

Dass sie mich inspiriert, mir Spaß macht, dass ich etwas bewegen kann und idealerweise mit dem Kunden eine langfristige Win-Win-Situation herbeiführe, von der auch Dritte profitieren.

Du bist ja selbst künstlerisch und schriftstellerisch tätig – könntest du dir vorstellen, eines Tages nur noch das zu tun und gar nicht mehr zu beraten?

JA! Ohne Kunst kann ich nicht sein. Ohne Facebook aber bestimmt! ;-)

Was muss jemand tun, um dich zu überzeugen, für ihn zu arbeiten?

Er muss mit vollem Herzen bei der Sache sein und damit sich und andere begeistern können. :-)

Die Fragen wurden gestellt von Kerstin Hoffmann. Vielen Dank dafür!

Nach oben