„Rebell mit und aus Vernunft“- Interview mit Patrick Breitenbach zu #meinweginsweb

Patrick Breitenbach

Wie sieht es eigentlich mit den gesellschaftlichen Folgen der Digitalisierung aus? Wie lässt sich das „social“ in „social web“ wirklich mit Leben füllen? Wie werden wir in Zukunft miteinander umgehen? Spannende Fragen wirft mein heutiger Interviewpartner Patrick Breitenbach auf, der hier von seinem Weg ins Web erzählt:

Patrick Breitenbach

Bitte stelle Dich kurz vor (Name, Ort, Tätigkeit, Website, Facebook, Twitter, Google+, drei Hashtags)

Mein Name ist Patrick Breitenbach, ich lebe in Würzburg obwohl die meisten vermuten ich residiere in Karlsruhe, was wohl daran liegt das einer meiner derzeitigen Betätigungsfelder in der Karlshochschule International University in Karlsruhe verortet ist. Dort bin ich derzeit noch bis diesen Sommer Leitung der Hochschulkommunikation  und bin darüber hinaus auch in der Karlshochschule als Dozent tätig rund um die Themen „digitale Transformation“ – wie man so schön heute sagt.

Außerdem bin ich als freiberuflicher Berater für Unternehmen und Organisationen tätig, derzeit in Allianz mit vm people in Berlin. Dort berate ich Kunden analytisch und strategisch im Bereich Markenführung im digitalen Wandel. Und als Ausgleich von der ganzen Markenwelt betreibe ich auch noch einen ganz gut laufenden soziologisch/philosophischen Bildungspodcast namens soziopod.de, den ich mit meinem langjährigen Freund Nils Köbel betreibe. Übrigens schreiben wir beide gerade dazu ein Buch, welches dieses Jahr erscheint. War das kurz? Nö! Sorry!

Seit wann bist Du online unterwegs, wann hast Du angefangen zu bloggen und wann bist Du dem ersten sozialen Netzwerk beigetreten? Wie bist Du dazu gekommen?

Online unterwegs bin ich etwa seit 1997. Ab 1999 herum sogar regelmäßig. Damals gab es noch diese lustig fiependen Modems. Angefangen zu bloggen habe ich im Jahr 2003. Das weiß ich deshalb noch so genau, weil mir ein ehemaliger Schulfreund in meinen Flitterwochen in Berlin in einer Bar davon vorgeschwärmt hat. Er war selbst ein Blogger. Ein Lawblogger um es präzise zu formulieren. Irgendwie waren die Juristen gefühlt früher in Blogs  aktiv als all die Werber und PRler (Natürlich nicht vor den ITlern).

Jedenfalls startete ich mit einer damaligen Kollegin den Werbeblogger, der innerhalb von ein paar Jahren in der Branche ziemlich bekannt wurde. Nicht zuletzt indirekt dank Heidi Klums Papa, aber das ist eine uralte Geschichte. Ihn – also den Werbeblogger, nicht Heidis Papa – verschenkte ich dann 2008 als es mich langweilte nur noch über Werbung zu bloggen und die Leser wiederum wenig Bock auf Themen außerhalb von Werbung hatten.

So wechselte ich nach einem größeren E-Commerce Projekt (das nie an den Start ging. Danke Arcandor) und einen kurzen Versuch mit Marcus J. H. Brown eine Nicht-Agentur zu gründen das Feld. Eines Samstag Abends klingelte das Telefon. Es war Michael Zerr, ehemaliger Yello-Chef (und Werbeblogger-Leser), der mich aus der Sauna anrief und fragte, ob ich nicht Lust hätte, ihm dabei zu helfen die mehr oder weniger kaputte Marke einer nicht weniger kaputten Hochschule neu zu erfinden und die Hochschule digital zu vernetzen, indem man am besten gleich die ganze Hochschule neu erfindet. Und ob ich Lust hatte.

So landete ich in der heutigen Karlshochschule und konnte der Liebe zum Marketing weiter frönen indem ich nicht nur die Marke Karlshochschule mit allen Stakeholdern zum Leben erwecken durfte, sondern erweiterte dort auch mein Spielfeld um das Dozentendasein und überhaupt die gesamte Geisteswissenschaft. Spannende Menschen, spannende Gespräche. Diese Verknüpfung von Theorie und Praxis empfinde ich nach wie vor als unfassbar erfüllend.

In die klassischen sozialen Netzwerke startete ich als Vollblutblogger erst relativ spät. Mein erstes Social Network war somit die „Blogosphäre“ (ein Begriff aus der Antike), dann folgte vermutlich Xing, aka OpenBC, dann folgte viel später erst Twitter und Facebook.

Gab es Menschen, die Dich persönlich oder durch Ihre Veröffentlichungen bei Deinem Einstieg ins Social Web begleitet haben?

Oh ja, jede Menge. Damals als die Modems noch aus Holz waren gab es ja diese Blogs, eine Art Vorläufer der Social Networks. Und zugleich ein El Dorado für Gleichgesinnte und noch alles schön überschaubar. Da tauschte man sich natürlich rege untereinander aus. Auch die ersten Barcamps in Deutschland waren eine gute Gelegenheit des Wissenstransfers. Es kreuzten so einige spannende Menschen meinen Weg, zum Teil sind daraus echte Freundschaften geworden.

Gerne gelesen habe ich immer bei Robert Basic (Godfather des Bloggens), Cem Basman (bekannt unter Jimmys Blog), Johnny Häusler und seinem Spreeblick Blog, den es heute zum Glück noch gibt und der die wunderbare re:publica mit initiiert hat. Dann gab es natürlich eine Menge Werber und PRler die damals einen ganz neuen Weg einschlugen, geprägt vom Cluetrain Manifest und einer ganz neuen Disziplin wie dem Online Marketing. Leute wie Björn Eichstädt, Björn Hasse, Djure Meinen, Tim Keil, Martin Oetting, Markus Tantler, Nico Lumma, Sebastian Küpers usw. usf. Habe bestimmt zig wichtige Leute vergessen. Und natürlich etliche Blogger aus Übersee, die ich damals nicht nur gelesen, sondern gelegentlich auch mal interviewed habe.

Dann waren da natürlich alle meine wunderbaren Co-Autoren auf dem Werbeblogger, allen voran Marcus John Henry Brown, aber auch Menschen wie Lene Steinmann (Mitgründerin der ersten Stunde), Roland Kühl von Putkamer, Andreas Rodenheber,  Gerald Braun oder mein damaliger Azubi Oliver Baumgart, der mittlerweile eine eigene ziemlich geile Sneakerstore-Marke besitzt.

Durch das Bloggen habe ich unfassbar viele interessante Menschen kennengelernt, so wie auch meinen aktuellen Geschäftskollegen Thomas Zorbach, der mich damals mit dem Thema „Virales Marketing“ infiziert hat, lange vor der Zeit von Buzzfeed, Facebook und Gedöns. Über die eine oder andere Kampagne von Thomas habe ich auch im Werbeblogger gebloggt. Ab und zu sogar mal richtig verrissen. Wir haben sogar mal mit einem Hip-Hop Tracks über eine – aus meiner Sicht doofen –  interaktiven Kampagne des neuen 50Cent Albums gelästert. (All das hält er mir heute natürlich bei jeder sich bietenden Gelegenheit immer noch vor, gerne auch bei Kunden).

Wie hat sich Dein Weg in Sachen digitale Kommunikation dann bis heute weiterentwickelt (nenne die wichtigsten Meilensteine)?

Persönlich, inhaltlich und thematisch habe ich mich etwas  gewandelt. Vom kritischen Werbeblogger und aufbrausendem Werberebell der immer alles besser wusste und schlechte Kampagnen durch den Kakao gezogen hat (vermutlich waren so einige wirklich schlecht), habe ich irgendwann gemerkt, dass diese Art der einseitigen Kommunikation nicht wirklich weiterführt. In der Rolle habe ich mich dann irgendwann ziemlich gefangen gefühlt und musste da einfach ausbrechen. Zudem wollte ich vielen Dingen stärker auf den Grund gehen.

Das verschlug mich in Richtung Soziologie und Philosophie. Wenn man gute Kommunikationsarbeit leisten möchte oder gar Markenführung, kommt man nicht umher Menschen und ihre Beziehungen verstehen zu lernen. Im Herzen bin ich trotz meiner bemühten Differenzierung und dem Versuch viele Dinge aus einer Meta-Ebene zu betrachten immer ein Rebell geblieben. In der kreativen Arbeit muss man das auch sein. Man darf sich nie scheuen Muster zu brechen und das auch so scheinbar Selbstverständlichste in Frage zu stellen. Machen muss man deshalb noch lange nicht alles. Rebell mit und aus Vernunft. Vielleicht wäre das eine Schublade mit der ich mich anfreunden könnte.

Heute kann ich sagen, ich liebe die Verknüpfung aus Theorie und Praxis. Ich lese viel, schreibe einiges, berate Menschen und mache aber auch ganz gerne Dinge selbst. So ist der Soziopod – von Design bis hin zur Produktion und Distribution – komplett handgemacht. Mit der soliden Berufsausbildung eines Mediengestalters scheint man einfach so eine Art eierlegende Wollproduktionsmilchsau zu werden. Jedenfalls hilft es mir ziemlich gut in der Arbeit als Berater oder auch als Manager, denn ich verstehe wirklich was meine Dienstleister da zum Teil machen (müssen).

Zwei Erfahrungen, die ich auch nicht missen möchte:  Ich war mehrere Jahre Teil eines Berater-Teams von zwei sehr großen und ambitionierten E-Commerce-Projekten, die am Ende jedoch leider aus so manchen findlichen und unerfindlichen Gründen scheiterten. Aber auch diese Erfahrungen möchte ich heute keinesfalls missen. Scheitern macht definitiv klüger.

Gibt es Fehler, die Du auf Deinem Weg gemacht hast und wie können andere diese vermeiden?

Natürlich habe und mache ich haufenweise Fehler. Zum Glück bin ich einigermaßen analytisch begabt und trainiert und übe mich in Selbstreflektion. Ich kann daher relativ schnell nicht nur aus meinen eigenen Fehlern, sondern auch aus Fehlern der anderen lernen. Auch wenn es jedes Mal sehr weh tut. Aber der Schmerz gehört offenbar dazu. Daher denke ich auch, dass die Fähigkeit zur Reflektion eines der wichtigsten Werkzeuge ist um zu vermeiden den gleichen Fehler mehrfach zu begehen. Auch Reflektion kann man trainieren und üben. Aber zuerst muss man wohl dazu auch bereit sein die Perspektive des Andersdenkenden einzunehmen. Tut man das nicht, wird man die meisten Fehler gar nicht erst wahrnehmen oder ignorieren. Der Lerneffekt fällt entsprechend mau aus. Oder wie Götz Werner es sinngemäß mal formulierte: Der Kluge ist stets bemüht ständig neue Fehler zu machen, der Unkluge ist gezwungen den gleichen Fehler immer zu wiederholen.

Welche Wege empfiehlst Du Einsteigern oder denen, die sich in Sachen digitale Kommunikation fortbilden wollen?

Ich glaube jeder ist da ein bißchen anders gestrickt. Der eine benötigt ein persönliches Coaching, dem anderen reicht es viel zu lesen, der dritte muss es sehen und hören. Wichtig ist, dass man stets am besten das immer weiter vertieft was einem Freude bereitet und man am besten da anknüpft wo man bereits steht und über bestehende Verbindungen verfügt. Das nennt man dann konstruktivistisches Lernen. Es gibt also viele verschiedene Wege und nicht DEN einen Weg. Aber Augen, Ohren und Geist offen halten ist sicherlich durchaus nützlich. Und ausprobieren sollte man auch mal was. Wer also mehr über XYZ erfahren möchte, sollte es einfach mal eine Weile ausprobieren.

Welches ist Dein bevorzugtes soziales Netzwerk und warum?

Momentan Facebook. Es fühlt sich bisher am Besten an. Ich diskutiere gerne viel und intensiv. Leider wird in Blogs nicht mehr kommentiert oder diskutiert, auf Twitter kann ich nicht so diskutieren wie ich das möchte, also bin ich mehr oder weniger an Facebook gebunden. Zudem besitzt es immer noch die größte Reichweite und Interaktionsdichte. Es ist einigermaßen benutzerfreundlich. Perfekt ist es deshalb noch lange nicht. Eine Zeitlang habe ich versucht mehrgleisig zu fahren. Viel zu anstrengend und zeitraubend. So habe ich mich für Facebook entschieden, ohne dabei aber wirklich 100% happy zu sein. Das bin ich aber sowieso nie. 😛

Welche aktuellen Entwicklungen in der digitalen Kommunikation findest Du besonders spannend?

Mich interessiert vor allem der digitale Wandel der Gesellschaft, der durch die Entwicklung der digitalen Kommunikation maßgeblich mit angeschoben wird. Für mich besteht Gesellschaft und Realität aus Kommunikation.

Ganz aktuell bin ich sehr gespannt, wie und ob sich Journalismus neu aufstellen wird. Ansonsten bin ich auch an ethischen Fragestellungen interessiert. Wie gehen wir in Zukunft mit den aufeinanderprallenden Lebenswirklichkeiten der digitalen Kommunikation um? Welche Bereiche sind noch nicht vollkommen erfasst, werden es aber zwangsläufig sein? Werden Algorithmen unser Leben beherrschen? Wo geben wir unser Menschsein schon auf oder kann uns digitale Kommunikation zum Menschsein zurückführen?

Spannend wird es auch wenn scheinbar noch nicht sichtbare Themenfelder aufpoppen werden, zum Beispiel wenn die erste Generation der Heavy User sich unmittelbar mit dem Thema Pflege oder Tod beschäftigen muss. Da wird es noch einiges an Bewegung und Disruption geben, weil digitale Kommunikation auch immer ein Gros an Transparenz und einhergehend aber auch wieder Verwirrung stiftet.

Das nächste große Ding wird für mich auch das Thema Sprachen und Übersetzung sein. Wer es schafft die Echtzeit-Welt durch die Überwindung von Sprachbarrieren zu vernetzen spielt ganz vorne mit.

Gibt es noch etwas, das Du den Lesern zum Thema Social Web oder digitale Kommunikation allgemein mitgeben möchtest?

Put the „social“ back to „Social Web“! Das Thema „digitale Kommunikation“ hat viel mehr Potential als es nur als reines Vermarktungs- und Vermittlungsinstrument von Konsumgütern zu betrachten. Und Marken sind heute und in Zukunft einfach wesentlich mehr als reine Marktbudenbesitzer. Und damit sollten sie auch entsprechend Verantwortung in und für die Gesellschaft übernehmen. Eine Marke, völlig losgelöst von Menschen gibt es einfach nicht. Also stellt sich doch die spannende Frage: Wie gehen wir alle miteinander in Zukunft um?

Vielen Dank  für Deine Antworten, Patrick! 🙂

Als nächstes wird Wibke Ladwig von ihrem Weg ins Web erzählen.
Alle Interviews können nachgelesen werden unter
http://www.schwindt-pr.com/tag/meinweginsweb/

Annette Schwindt
hat sich inzwischen als "schwindt-pr" verabschiedet und bloggt jetzt unter annetteschwindt.de.

2 Kommentare

  1. Ein interessantes Interview und die berufliche Vita von Patrick Breitenbach ist ja alles andere als langweilig. Ein Satz ist bei mir besonders „hängen geblieben“: „Wichtig ist, dass man stets am besten das immer weiter vertieft was einem Freude bereitet und man am besten da anknüpft wo man bereits steht und über bestehende Verbindungen verfügt.“ Übersetzt heißt das doch: „Glaub an das, was Du tust und bleib einfach dran!“ Zum Thema „Entwicklungen in der digitalen Kommunikation“ wäre sicher noch mehr zu sagen gewesen. Mit den angesprochenen Themenfeldern wie „Sprachen und Übersetzung“ kommt eine spannende Entwicklung auf uns zu. Warten wir´s ab, denn: Haben wir wirklich die Wahl? 😉

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