Von wegen virtuelle Welt! – Interview mit Jörg Blumtritt zu #meinweginsweb

Jörg Blumtritt

Nachdem bereits Sabria David bei dieser Interviewreihe ihren Weg ins Social Web beschrieben hat, kommt heute einer ihrer beiden Autorenkollegen beim Slow Media Manifest zu Wort: Jörg Blumtritt berichtet von seinem spannenden Werdegang und seinen vielseitigen Projekten  – und darüber, was seine Mutter damit zu tun hat. 😉

Bitte stelle Dich kurz vor (Name, Ort, Tätigkeit, Website, Facebook, Twitter, Google+, drei Hashtags)

Jörg BlumtrittIch bin Jörg Blumtritt aus der Blogger-Metropole Stockdorf und arbeite in München in meiner Firma Datarella, die ich 2013 mit drei Kollegen gegründet habe. Ich blogge unter http://slow-media.net über Medien und Gesellschaft, unter http://beautifuldata.net und  http://datarella.de/blog über Big Data, unter http://kuirejo.de über kochen und neu auch bei http://medium.com/@jbenno über alles Mögliche.

Auf Twitter, Facebook und auch sonst überall bin ich @jbenno.

Meine Tags sind:
#DataScience, #ComputationalSocialScience, #Blogger

Seit wann bist Du online unterwegs, wann hast Du angefangen zu bloggen und wann bist Du dem ersten sozialen Netzwerk beigetreten? Wie bist Du dazu gekommen?

1986 habe ich mein erstes Modem bekommen. Mein erstes Social Network war CompuServe ab 1992. 1994 bin ich Mitglied bei The Well geworden. Seit 2007 blogge ich.

Gab es Menschen, die Dich persönlich oder durch Ihre Veröffentlichungen bei Deinem Einstieg ins Social Web begleitet haben?

Meine Mutter. (Nicht lachen!) Als Kind waren mir die ersten Computerspiele extrem unsympathisch. Ich war der Lego-Typ, und Minecraft gab es schließlich noch nicht. Meine Mutter ist Diplom Dokumentarin und arbeitete seit den 70ern mit Computern. Sie hat mir, trotz meiner oft geäußerten Skepsis einfach einen Computer gekauft und hingestellt. Völlig richtig hatte sie eingeschätzt, dass ich von selbst erkennen würde, was mich daran fasziniert. Sie hat mich auch auf die Idee gebracht, mir selbst Maschineschreiben beizubringen, so dass mir der Computer schon zur Schulzeit ein unglaublich hilfreiches Werkzeug wurde. Durch das Modem war der Einstieg in die Online-Communities selbstverständlich – was sollte man sonst damit machen, als sich dort einwählen? Und Cyberpunkt. Neuromancer habe ich glaube ich 1987 gelesen, Snow Crash 1992. Danach sofort Timothy Leary und Mashall McLuhan. Und
vor allem Bruce Sterling. Durch die McLuhan-Community bin ich auch auf völlig neue Zeitschriften gestoßen: Mondo2000 – Netzkultur „Prä World Wide Web“; seit der ersten Ausgabe bin ich Abonnent der Wired. Zwanzig Jahre später, 2007, hat mich dann Benedikt Köhler für Twitter gewonnen, was seither für mich das zentrale Social Network geworden ist. @furukama ist auch bis heute mein wichtigster Twitter-Kontakt. 🙂

Wie hat sich Dein Weg in Sachen digitale Kommunikation dann bis heute weiterentwickelt (nenne die wichtigsten Meilensteine)?

Im Studium habe ich via X.25 mit meinem Modem in den OPAC-Systeme der Staatsbibliothek und der Universität recherchiert. Als Mitte der 90er die Suchmaschinen kamen, war Online-Recherche für mich die wichtigste Anwendung im Web. Wie viele Leute, die das Netz noch vor dem Web erlebt haben, fand ich den Verlust von Interaktivität und Gemeinschaft, der mit dem „Hochglanz-Web“ kam, zunächst sehr bedauerlich. Als AOL schließlich CompuServe übernommen hatte, fühlte ich mich regelrecht heimatlos, denn so gerne ich den Content auf The Well gelesen habe, so schwer ist es mir gefallen, an dieser Community aus San Francisco regelmäßig teilzunehmen, schon alleine wegen der Zeitzonendifferenz.

Ich bin 1999 zu ProSieben gekommen. Während mich das Geschäft mit TV-Werbung wirklich fasziniert hat – und ich finde TV-Media immernoch sehr interessant – wurde ich mit Display-Werbung online nie warm. Die PI- und Click-Logik war mir nicht sympathisch; und die Preise im bereich von wenigen Cent pro Tausend Werbekontakte gaben meiner Einschätzung hinsichtlich der Wertlosigkeit dieser Mediengattung damals recht. Erst durch Blogs und schließlich  durch Social Media und vor allem durch Twitter, hat sich meine Internetnutzung völlig verändert. Social Media waren für mich der perfekte Content für Smartphones mit Kamera: 2008 war für mich das Twitpic-Jahr.

Gibt es Fehler, die Du auf Deinem Weg gemacht hast und wie können andere diese vermeiden?

Bei The Well habe ich mich nicht getraut, die wirklich interessanten Leute anzusprechen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Dabei war die Community winzig klein und die Kultur völlig offen und einladend! Diesen Fehler machen heute viele Leute in den Social Networks des Web 2.0. Mein Ratschlag ist: Folgt schnell ganz vielen Leuten; und zwar richtigen  Menschen, nicht irgendwelchen News-Feeds, Medien-Accounts oder Celebrities, auch wenn Twitter und Facebook euch genau diese Accounts in ihren Wem-soll-ich-folgen?-Listen geradezu aufdrängen. Am einfachsten sucht man sich einige Leute, die man wirklich interessant findet (z.B. weil man ihr Blog liest) und folgt dann einfach wahllos den Menschen,
denen diese Leute selbst auch folgen.

Welche Wege empfiehlst Du Einsteigern oder denen, die sich in Sachen digitale Kommunikation fortbilden wollen?

Für die persönliche Nutzung von digitaler Kommunikation gibt es nur Eines: selber machen! Am besten im Bekanntenkreis herumhören, wer schon länger twittert und sich „anhängen“. Den schnellsten Einstieg in die Kultur gibt es durch eine Teilnahme an der re-publica Konferenz.

Welches ist Dein bevorzugtes soziales Netzwerk und warum?

Twitter ist mein wichtigstes Social Network. Meine gesamte Community ist auf Twitter, jede Menge Wissenschaftler, Autoren … Praktisch alle Leute, die ich interessant finde, teilen auf Twitter, was sie denken und auf was sie in der Welt gestoßen sind. Sabria David, die mit Benedikt und mir das Slow Media Manifest geschrieben hat, habe ich auf Twitter  kennengelernt. Auch Michael Reuter, mit dem ich meine Firma Datarella gegründet habe, kenne ich über Twitter! (Also von wegen „virtuelle Welt“…)

Welche aktuellen Entwicklungen in der digitalen Kommunikation findest Du besonders spannend?

Drei Trends finde ich sehr spannend:

Mit Wearable Tech, also Mobiltechnologie, die als Accessoire getragen wird, kommt ganz neuer Content: Die persönlichen Daten, die von diesen
Geräten eingesammelt werden und mit denen ebenso Geschichten erzählt werden, wie durch die Posts auf Facebook oder Twitter. Leute, die eine Smartwatch tragen, verändern ihr Verhalten: Sie sehen ziehen viel seltener ihr Smartphone aus der Tasche. Das wird einiges an der Mediennutzung verschieben. Smartphones sind inzwischen zum nutzungsintensivsten Medium geworden. Durch die Apple Watch, die in Kürze auf den Markt kommt, werden dann die Smartwatches zum ‚Second Screen‘. Die Avantgarde dieser Technologie ist die Bewegung des „Quantified Self“.

Der zweite Trend heißt: Augmented Ubiquity (oder auch Internet of Things, IoT). Dinge bekommen eine digitale Identität. Rauchmelder und Thermostate machen den Anfang von sinnvollen und tatsächlich marktfähigen Anwendungen im „Connected Home“. Wifi-Signale und Beacons überziehen unsere Städte mit einem feinmaschigen Netz, indem jedes Gerät
exakt seinen Ort identifizieren kann. Für Augmented Reality müssen wir nicht auf Google Glass warten. Unsere Smartphones sind „die Brillen“, mit denen wir unsere Umgebung durch zusätzliche Daten anreichern.

Big Data bedeutet dabei einen Paradigmenwechsel, wie wir mit Daten umgehen. Es geht also um viel mehr als einfach nur um „viele Daten“. Die Werkzeuge, die Big Data uns bereitstellt, ermöglichen, die beiden ersten Trends – Wearables und Augmeted Ubiquity – sinnvoll zu verbinden. Aus den Daten, die unsere Geräte über uns selbst und unsere Umwelt sammeln,
machen wir mit Big Data Geschichten. Content entsteht in Zukunft zunehmend automatisch.

Der dritte Trend ist Slow Media, quasi die Antwort auf die beiden Ersten. Wie wir 2010 in unserem Slow Media Manifest geschrieben haben: „In Zukunft wird es weniger darum gehen, neue Technologien zu finden, die das Produzieren von Inhalten noch leichter, schneller und
kostengünstiger gestalten. Stattdessen wird es darum gehen, angemessene Reaktionen auf diese Medienrevolution zu entwickeln.“ Die Diskussion um Trolle, um Sexismus, aber auch die Perspektive für Inklusion und eine freiere, offenere Gesellschaft hat glaube ich erst begonnen.
Kosmopolitismus und Liquid Culture sind die spannensten Themen überhaupt, die für mich unter dem Ansatz von Slow Media entfaltet und besprochen werden.

Gibt es noch etwas, das Du den Lesern zum Thema Social Web oder digitale Kommunikation allgemein mitgeben möchtest?

1) Publish quickly, edit later.
2) Follow boldly, filter later.
3) Try out early, keep on moving.

Herzlichen Dank für Deine Antworten, Jörg! 🙂

In der kommenden Woche wird Anke von Heyl zu Wort kommen.
Alle Interviews können nachgelesen werden unter
http://www.schwindt-pr.com/tag/meinweginsweb/

Annette Schwindt
hat sich inzwischen als "schwindt-pr" verabschiedet und bloggt jetzt unter annetteschwindt.de.

2 Kommentare

  1. Klasse Interview und wirklich wichtige Ratschläge! Keep on moving – das gefällt mir. Das klingt nach Neugier! Die ich ja auch für einen wichtigen Motor halte.
    Grüße von Anke

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