Den Geschichtenerzähler in die digitale Welt übertragen – Interview mit Leander Wattig zu #meinweginsweb

Leander Wattig

Es gibt wenige  Online-Kontakte, die mich schon so lange und so intensiv begleiten, wie Leander Wattig das tut. Ob bei wasmitbuechern.de oder beim Virenschleuder-Preis oder einfach in zahlreichen langen Gesprächen über Bücher, das Publizieren und digitale Kommunikation überhaupt- der Austausch mit Leander ist immer ein Gewinn und eine große Freude. Oder wie der Onliner sagt: #HACH! 😉

Leander WattigBitte stelle Dich kurz vor (Name, Ort, Tätigkeit, Website, Facebook, Twitter, Google+, drei Hashtags)

Hallo in die Runde. Ich heiße Leander Wattig und bin als freier Blogger, Berater und Vortragsredner viel in der Buch- und allgemein in der Medienbranche unterwegs. Dort begleite ich die vielfältigen Umbrüche – beispielsweise auch durch eigene Netzwerk-Projekte und -Veranstaltungen wie „Ich mach was mit Büchern“, die Meetup-Reihe „Pub ‘n‘ Pub“ und den „Virenschleuder-Preis“. Mein Schwerpunkt sind dabei Marketing- und Kommunikationsthemen.

Seit wann bist Du online unterwegs, wann hast Du angefangen zu bloggen und wann bist Du dem ersten sozialen Netzwerk beigetreten? Wie bist Du dazu gekommen?

Ich bin Jahrgang 1981 und seit 1996 im Internet unterwegs. 1998 habe ich in den USA an der High School meine erste Website gebaut. Die Social-Web-Welt richtig für mich entdeckt habe ich 2005/2006. Los ging es da mit StudiVZ (für die Kommilitonen), Facebook (für die Freunde in den USA) und Xing (für die ersten professionellen Kontakte damals). Intensiv zu bloggen begonnen habe ich 2007 gegen Ende meines Verlagswirtschaftsstudiums. Letztlich hat mir das Bloggen meinen Job, wie ich ihn als Freelancer seit 7,5 Jahren lebe, erst ermöglicht, weil es ohne die so gewonnene Reichweite und Aufmerksamkeit nicht geklappt hätte.

Gab es Menschen, die Dich persönlich oder durch Ihre Veröffentlichungen bei Deinem Einstieg ins Social Web begleitet haben?

Direkt begleitet hat mich niemand, als ich 2007/2008 richtig ins Social Web eingestiegen bin. Ich war einfach neugierig, habe Vieles ausprobiert und parallel etliche Blogs gelesen, um die unterschiedlichen Dynamiken zu verstehen. Zu Beginn sehr wichtig für mich war der Video-Blog TheSocialWeb.tv, wo das Team um John McCrea, Joseph Smarr, David Recordon und Chris Messina regelmäßig darüber informiert und diskutiert hatte, wie das Social Web von der Informationsarchitektur her auf Basis von Schnittstellen und so genannten „Stacks“ konstruiert wurde, was zu der Zeit ja alles noch sehr neu und in der Entwicklung befindlich gewesen ist. Viel gelernt habe ich in den ersten Jahren auch von US-Bloggern wie Gary Vaynerchuck und Chris Brogan sowie natürlich von den großen Blogs wie TechCrunch und ReadWriteWeb. In Deutschland waren am Anfang Blogs wie Netzwertig und der Elektrische Reporter sehr wertvoll.

Wie hat sich Dein Weg in Sachen digitale Kommunikation dann bis heute weiterentwickelt (nenne die wichtigsten Meilensteine)?

2008-2010 habe ich auf meinem persönlichen Blog leanderwattig.de richtig Gas gegeben und war dann auch recht schnell in den Blogcharts der 100 meistverlinkten Blogs in Deutschland. Mein Anliegen war aber immer, über Grenzen hinweg Veränderung zu unterstützen. So kam es dazu, dass ich immer stärker vom Bloggen ausgehende Vernetzungsprojekte gestartet und vorangetrieben habe. Los ging’s 2009 mit „Ich mach was mit Büchern“. 2011 folgten der Virenschleuder-Preis und die Stammtisch- und Vortragsreihe #pubnpub, die es inzwischen in über 11 Städten und in 5 Ländern gibt. Diese Reihe organisieren wir bspw. ohne Budget rein Community-getrieben allein über digitale Kommunikationskanäle, hauptsächlich über Facebook. Sie ist ein Beispiel dafür, was heute aufgrund der gesunkenen Kommunikationskosten möglich ist.

Gibt es Fehler, die Du auf Deinem Weg gemacht hast und wie können andere diese vermeiden?

Im Kleinen mache ich natürlich ständig irgendwelche Fehler. Bei größeren Fehlern fällt mir aber eigentlich nur der der Verzettelung ein, die ständig droht. Gerade wenn es gut läuft und eigene Aktivitäten stark wahrgenommen werden, ist die Gefahr groß, sich in immer neuen Social-Media-Accounts und -Maßnahmen zu verlieren. Doch die verfügbare Zeit wächst eben nicht und daher ist es wichtig, immer den Fokus zu behalten oder wiederzufinden – gerade bei Plattformen und Projekten, die sich nur schwerlich monetarisieren lassen. Heißt konkret: am besten wild drauf los probieren, dann aber immer wieder zurücktreten, reflektieren und fokussieren. Das ist dann wohl die Startup-Denke, von der alle reden, im Ich-AG-Einsatz.

Welche Wege empfiehlst Du Einsteigern oder denen, die sich in Sachen digitale Kommunikation fortbilden wollen?

Ich habe wie gesagt gute Erfahrungen damit gemacht, das Ausprobieren und die theoretische Betrachtung parallel laufen zu lassen. Anders als 2005/2006 gibt es ja jetzt auch einen Haufen brauchbarer Literatur zu allen Phänomenen der digitalen Kommunikation, welche den Einstieg erleichtern kann. Vor allem würde ich mir aber immer anschauen, was erfolgreiche Leute ganz praktisch im Web machen, die ähnliche Ziele verfolgen und einen ähnlichen Stil pflegen wie man selbst. Das habe ich auch immer gemacht und es hat mir wahnsinnig geholfen. Da kann man sich ganz viel abschauen.

Welches ist Dein bevorzugtes soziales Netzwerk und warum?

Die meiste Zeit verbringe ich wohl nach wie vor – wenig überraschend – auf Facebook und Twitter, einfach weil da am meisten los ist und die Reichweitenhebel am interessantesten sind. Für mich sind das ja echt berufsrelevante Plattformen. Daneben nutze ich aber je nach Anliegen die gängigen Spezialisten wie Instagram, Pinterest, SlideShare, Foursquare/Swarm, WhatsApp & Co. bis hin zu jüngeren Plattformen wie Snapchat und Vine.

Welche aktuellen Entwicklungen in der digitalen Kommunikation findest Du besonders spannend?

Interessant wird es immer dann, wenn ein Player ein neues Erfolgsprinzip einführt. Daher ist eben Snapchat auch so spannend, weil sie es als Erste erfolgreich geschafft haben, das menschliche Bedürfnis zu bedienen, dass nicht alle Gesprächsinhalte auf ewig abgespeichert werden. Nicht umsonst ist die App bei Jugendlichen so beliebt und wird sie von anderen Playern so intensiv kopiert. Zudem finde ich grundsätzlich alles spannend, was Reichweite und Aufmerksamkeit verschafft. Daher schaue ich mir auch ein Tool wie Tinder mit Interesse an, das zwar als Dating-App gilt, aber inzwischen durch Kopieren von besagtem Snapchat aufgrund des „Moments“-Features ein Publishing-Tool geworden ist, mit dem man innerhalb der eigenen Kontakte eine enorme Wahrnehmung bekommt. Und vergessen wir nicht: Auch Facebook hat mal mit Profilfotovergleichen ganz ähnlich angefangen.

Gibt es noch etwas, das Du den Lesern zum Thema Social Web oder digitale Kommunikation allgemein mitgeben möchtest?

Digital hin oder her – es geht um Kommunikation und da gelten uralte von der Evolution geformte Erfolgsprinzipien. Lasst Euch also nicht von irgendwelchem technischen Chichi blenden und verwirren, sondern schaut Euch lieber an, warum ein Geschichtenerzähler gebannte Zuhörer hat. Das dann schlank und konsequent in die digitale Welt zu übertragen – ohne sich auf diese zu beschränken –, ist das Beste, was wir tun können.

Herzlichen Dank für Deine wie immer spannenden Antworten, lieber Leander! 🙂

In der kommenden Woche wird Jörg Blumtritt diese Fragen beantworten.
Alle Interviews dieser Reihe können nachgelesen werden unter
http://www.schwindt-pr.com/tag/meinweginsweb/

Annette Schwindt
hat sich inzwischen als "schwindt-pr" verabschiedet und bloggt jetzt unter annetteschwindt.de.