Warum sprechen Sie nicht direkt miteinander?

hallo

Immer wieder melden sich Menschen bei mir, weil sie andere über Facebook und Co. beobachten und darin „Beweise“ für angebliches Fehlverhalten zu finden glauben. Ich soll ihnen dann bestätigen, dass Facebook mehr zu vertrauen sei als dem eigenen Mann, der eigenen Freundin und so weiter. Klassisches Beispiel ist die Zeitangabe im Chat, wann jemand zuletzt das Nachrichtensystem benutzt haben soll („sie hat doch gesagt, sie kann nicht online gehen“) oder die Anzeige des Handysymbols („er hat doch gesagt, er hat kein Handy“).

Jedesmal, wenn ich so eine Anfrage erhalte, bin ich erstmal sprachlos: Wie sehr muss man jemand anderem misstrauen, um sich an eine fremde Person (mich) mit so einer persönlichen Geschichte zu wenden? Wie gestört muss die Kommunikation zwischen zwei Menschen sein, dass ich einer Onlineplattform mehr vertraue als meiner Beziehung?

Ich rate dann immer dazu, den jeweils anderen doch persönlich darauf anzusprechen. Immerhin kann Facebook auch mal was Falsches anzeigen. Und gerade im Chatsystem erlebe  ich sehr oft Fehler. Darauf ist kein Verlass. Aber selbst wenn ich den Anfragenden das sage, wollen Sie oft immer noch lieber der Technik vertrauen als mit dem betreffenden anderen zu reden. Das erschreckt mich und macht mich traurig. Warum reden die beiden nicht einfach direkt miteinander? Facebook ist doch nur ein Werkzeug, das die Kommunikation erleichtern soll und nicht sie verhindern…

Leider hat sich diese Haltung aber auch schon in die traditionellen Medien, die ja gern auf Social Media herumhacken, herumgesprochen. So bekomme ich immer wieder Interviewanfragen zu Themen nach dem Motto „Wie Facebook Familien zerstört“. Ich frage dann gern zurück: „Haben Sie auch einen Artikel dazu, wie das Telefon Familien zerstört?“ 😉 Wenn ich außerdem anmerke, dass ich gern was dazu sagen kann, wie manche Menschen verlernt haben, direkt miteinander zu sprechen, dass das aber nicht die Schuld einer Online-Plattform ist, sondern der Rückzug in Facebook und Co. nur Symptom und nicht Ursache der Offline-Sprachlosigkeit ist, dann wird die Interviewfrage schnell zurückgezogen. So etwas bringt ja keine Quote!

Daher meine Bitte: Wenn Sie direkt offline miteinander sprechen können, dann tun Sie das! Wenn das nicht möglich ist, weil Sie sich an verschiedenen Orten befinden, dann seien Sie bei der Kommunikation via Social Web ehrlich und Sie selbst. Wenn Sie das nicht können, oder wenn Sie der Technik mehr vertrauen als dem betreffenden Menschen, sollten Sie sich dringend fragen, was da bereits offline schief gelaufen ist. Denn die Schuld von Facebook und Co. ist das sicher nicht. Das sind nur Werkzeuge, die Ihnen das Kommunizieren erleichtern sollen. Was Sie dann damit machen, ist Ihre Entscheidung!

 

 

Annette Schwindt
hat sich inzwischen als "schwindt-pr" verabschiedet und bloggt jetzt unter annetteschwindt.de.

4 Kommentare

  1. > Aber selbst wenn ich den Anfragenden das sage, wollen Sie oft immer noch lieber der Technik vertrauen als mit dem betreffenden anderen zu reden.

    Liegt das Problem nicht womöglich gar an demjenigen selbst, getreu dem Motto ‚Was ich selber denk und tue..‘ : Man müsste ja selber erstmal ehrlich werden, um den anderen Ehrlichkeit unterstellen zu können.

  2. Wenn mir jemand zur Kenntnis gibt, dass er sich momentan nicht melden kann, dann komme ich gar nicht erst auf die Idee zu schauen, wann der Ansprechpartner online war.

    Bei den vielen Anfragen müssen wir Prioritäten setzen, wem wir in welcher Reihenfolge antworten können. Allen gleichzeitig geht auch nicht.

    Oft kann man zwischen Terminen auch nur kurz in die App reinschauen und schon hat man den Zeitstempel.

    Ich bin immer dafür, dass wir darauf vertrauen, dass sich der Ansprechpartner, sobald ihm das möglich ist, zurückmeldet. Dauert es zu lange, dann empfehle ich direkt und höflich nachzufagen. Es kann auch schon mal vorkommen, dass die Anfrage nicht wahrgenommen wurde.

    Meistens stimmt das Verhalten Miteinander schon offline nicht, bevor ein Onlinegrund als Steilvorlage für eine Auseinandersetzung vorgeschoben wird.

    Ich finde es immer spannender zu sehen, wie viele Menschen Social Media zusammenbringt – und das über die Grenzen einer Stadt oder eines Landes hinaus.

    VG
    Olga Benner

Kommentare sind geschlossen.