Mit Sprache das Denken verändern

Kerstin Hoffmann hat in ihrem Blog zur Aktion und Blogparade „Jahr der ungewöhnlichen Formulierungen“ aufgerufen. Dabei geht es darum, sprachliche Klischees und gedankenlos übernommene Floskeln aus der Kommunikation zu streichen. Ein wie ich finde sehr lobenswertes Unterfangen, zu dem ich hiermit gern auch etwas beitrage:

„Seit wann sind Sie denn schon an den Rollstuhl gefesselt?“, fragt der Journalist den Paralympicsteilnehmer. Der schaut an sich herunter und antwortet lachend: „Wo bin ich denn gefesselt?“

Der Journalist schreibt anderntags, der Sportler fühle sich „trotz seines tragischen  Schicksals“ nicht „an den Rollstuhl gefesselt“ und sei ja überhaupt ein so „bewundernswertes Beispiel“für all diejenigen, die auch „unter einer Behinderung leiden“. Und was sich erst „die Gesunden“ daran abschauen könnten! Wer wage es da noch, sich über seine kleinen Probleme zu beklagen?

Dass dieser Journalist eine Floskel nach der anderen bemüht, ist ihm vermutlich nicht mal klar. Zu fest hat sich das Klischee vom leidenden, hilflosen, bemitleidenswerten Menschen festgesetzt. Und da die meisten immer noch wenig Kontakt zu Menschen mit Behinderung haben, bekommen sie auch wenig Gelegenheit, diese Klischees in Frage zu stellen. Die oben genannten Floskeln und andere Unsäglichkeiten nicht zu bedienen, ist daher für viele richtig schwer.

Es geht nicht um political correctness

Sich anders auszudrücken, hat dabei nichts mit political correctness zu tun. Es ist vielmehr so, dass Sprache das Denken nachhaltig verändert. Die Leser werden den Artikel völlig anders aufnehmen, wenn sich der Journalist auf die Sache statt auf die Behinderung konzentriert.

Um Journalisten, die bei den Paralympics berichten, zu helfen, nicht auch in diese Klischeefalle zu tappen, hat das International Paralympic Committee daher schon vor längerer Zeit eigene Guidelines in seinem Medienbereich veröffentlicht. Diese habe ich vor einigen Jahren ins Deutsche übertragen und ergänzt. Das daraus entstandene Infoblatt wurde seitdem viele tausend Mal heruntergeladen.

Infoblatt herunterladen

Das Infoblatt steht jedem kostenlos zur Verfügung unter http://www.schwindt-pr.com/downloads/Wissenswertes.pdf und falls Sie darauf verweisen möchten, nutzen Sie bitte  auch diesen Link.

Die Essenz des Infoblatts steht gleich am Anfang zu lesen:

Was einen Menschen ausmacht, sind nicht seine körperlichen Fähigkeiten, sondern seine Persönlichkeit, sein Denken, Fühlen und Handeln. Definieren Sie einen Menschen daher nach diesen Kriterien, nicht über seine Einschränkungen. Denn Einschränkungen hat jeder, auch nichtbehinderte Menschen. Bei Menschen mit Behinderung ist nur eine besondere Einschränkung sofort sichtbar. Diese mag für Sie ungewohnt sein, macht Ihr Gegenüber jedoch nicht automatisch zu einem bemitleidenswerten Menschen.

Genutzt wird das zweiseitige pdf-Dokument von Beauftragten für Menschen mit Behinderung aber auch von Lehrern bis hin zu Stadtführern oder einfach Privatpersonen. Journalisten haben sich interessanterweise noch nicht bei mir gemeldet. 😉

Ich freue mich über Feedback dazu, zumal eine Aktualisierung gerade im Werden ist. Viele Nutzer bedanken sich, dass ihnen „endlich mal jemand die Unsicherheit nimmt“. Wenn Sie auch etwas anzumerken oder zu ergänzen haben, dann lassen Sie es mich bitte hier in den Kommentaren oder per Mail an office@schwindt-pr.com wissen! 🙂

Annette Schwindt
hat sich inzwischen als "schwindt-pr" verabschiedet und bloggt jetzt unter annetteschwindt.de.

9 Kommentare

  1. Gern gelesen! „An den Rollstuhl gefesselt“ ist schon deshalb eine dumme Phrase, weil ein Rollstuhl ja zur Mobilität verhilft – also das genaue Gegenteil einer Fesselung bedeutet.
    Aber genau so ärgerlich wie die zitierten Phrasen finde ich wohlmeinende Sätze wie „Behindert ist man nicht, behindert wird man“, oder gar „Wir schaffen Behinderung ab“ (Slogan eines gemeinnützigen Vereins). Wer nicht gehen kann, kann es auch dann nicht, wenn alle Bürgersteige abgesenkt, alle Klos rollstuhlgeeignet und alle Kinos zugänglich sind; so tun, als sei damit alles in Ordnung für den Menschen, der mit einer Behinderung leben muß, ist Augenwischerei.

  2. Sehr gut geschrieben, Frau Schwindt – ich habe gestern im Kino den Film „Ziemlich beste Freunde“ gesehen und herzhaft darüber gelacht, wie ein farbiger Pfleger aus der Pariser Vorstadt einen reichen Querschnittsgelähmten betreut, ihm alles – nur kein Mitleid – entgegen bringt und er alle politisch nicht korrekten Fragen stellt. Dadurch entsteht Nähe und Lebendigkeit! Das Düsseldorfer Kino war ausgebucht und das Publikum hat nach dem Abspann geklascht. – Die Story basiert übrigends auf einer wahren Begebenheit. – Ich reiche Ihnen jetzt virtuell die Hände…

  3. Das PDF ist ein wirklich tolles Dokument.
    Gerade was die Ansprache angeht („Sprechen Sie nicht laut.“ etc.) sei ein expliziter Hinweis erlaubt: Das gilt auch für Menschen mit kognitiven Einschränkungen (sogenannter geistiger Behinderung).
    Sprechen Sie mit diesen Menschen und sprechen Sie nicht wie Kinder mit ihnen (es sei denn, es sind welche). Vermeiden Sie Fremdwörter, Schachtelsätze etc., investieren Sie gegebenenfalls ein wenig Geduld – und Sie werden sehr häufig sehr treffende Antworten bekommen. Und vielleicht bekommen Sie auch Antworten, die Sie nicht erwartet haben – um so besser!

  4. Sehr gelungen, das Infoblatt, und sehr notwendig!

    Mein Onkel starb mit 50 Jahren an Krebs. Jetzt wäre er 75 Jahre alt, und ich bin mir sicher, er wäre ein Internaut der ersten Stunde gewesen. Als begnadeter Netzwerker hätte er sich auf die vielfältigen Kommunikationsmöglichkeiten des Internet gestürzt. Nicht zuletzt hätte das Internet seine Arbeit als freischaffender Übersetzer technischer Texte aus dem Japanischen und Chinesischen enorm erleichtert. Als Vertrauter meiner Kindheit war dieser Onkel etwas ganz Besonderes für mich. Nie im Leben wäre ich darauf gekommen, er könnte „behindert“ sein. War er ja auch nicht. Seine spastische Lähmung hinderte ihn vielleicht am Laufen, aber nicht an seinem Beruf, nicht am Reisen. Und ich durfte ihn begleiten – als kleines Kind auf seinem Schoß mit seinem speziellen handgetriebenen Gefährt durch die Wesermarsch, als Zwölfjährige nach London und Cornwall und als Achtzehnjährige mit meinem ersten Auto in die DDR. Als widerborstiger Teenager habe ich mich an meinem Onkel gerieben. Es gab heiße Diskussionen auch zur Krüppelbewegung, die mein Onkel als politisch wacher Mensch aufmerksam verfolgte. Für ihn kam die Selbstbezeichnung als Krüppel aber nicht infrage. Das hätte ihn nur behindert.

  5. Die Gedankenlosigkeit in dem Eingangsbeispiel ist leider heute eher die Regel. Offenbar ist der Wortschatz bei vielen Menschen doch sehr geschrumpft. Dazu kommt, dass vieles auf 140-160 Zeichen reduziert werden muss. Die Sprache wird kryptisch, die Doppeldeutigkeit mancher Wörter oder Ausdrücke nicht mehr berücksichtigt, schlimmer noch nicht einmal nicht erkannt – wie im Beispiel sehr deutlich aufgezeigt.

    Es ist überhaupt ein Anliegen, sich mal wieder den Möglichkeiten der deutschen Sprache zu widmen. Denn statt Floskeln lässt sich mit der Sprache doch so schön spielen. Das zeigt sich an vielen satirischen Beiträgen, die momentan rund um die Politik entstehen. Wortspiele werden hier regelrecht kultiviert.

  6. Vielen Dank für diesen gelungenen Text, das ist eine schöne Parabel. Ich hoffe, Sie können damit viele Personen erreichen (und vielleicht doch noch Jourmalisten)

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