Wie barrierefrei ist Facebook?

Foto von Heiko KunertHeiko Kunert (34) ist blind und liebt Facebook. Daher habe ich den Sprecher des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg gebeten, in einem Gastbeitrag zu beschreiben, wie er das soziale Netzwerk nutzt, welche Barrieren es gibt und wie diese abgebaut werden können:

Immer mehr blinde und sehbehinderte Menschen sind bei Facebook. Mithilfe einer sog. Screenreader-Software, einer synthetischen Sprachausgabe und einer Braillezeile, die den Bildschirminhalt in Blindenschrift ausgibt, bin ich als blinder User online. Menschen mit einem geringen Sehrest verwenden Vergrößerungssoftware. Facebook als größtes soziales Netzwerk ist gerade für behinderte Menschen besonders reizvoll, fallen hier doch viele Berührungsängste und alltägliche Barrieren weg. Leider gilt dies nicht für die technischen Hürden.

Technische Hürden und Umwege

Manche Grafiken und Schaltflächen sind nicht mit einem Alternativtext versehen, den die Sprachausgabe wiedergeben könnte. Der Dynamik der Site sind gerade ältere Screenreader nicht gewachsen – so aktualisieren sich irgendwo auf der Seite Inhalte, ohne dass der blinde Nutzer es merkt. Viele Applikationen sind vollkommen unzugänglich. Blinde User bekommen hier lediglich endlose, kryptische Zeichenfolgen angesagt. Facebook sollte die App-Entwickler hier zu mehr Accessibility verpflichten.

Dennoch macht die Faszination Facebook vor blinden Nutzern nicht halt. Viele von uns nutzen nicht die reguläre Startseite, sondern m.facebook.com. Die Seite ist eigentlich für mobile Endgeräte gedacht und als reine HTML-Site auf die wesentlichen Punkte reduziert. Damit ist sie auch von den Hilfsmitteln blinder und sehbehinderter User klarer darstellbar.

Facebook ist durchaus bemüht, Barrieren abzubauen. Das Unternehmen kooperiert mit der American Foundation for the Blind. Immer wieder werden Elemente, die das Surfen erleichtern, eingebunden, zuletzt die Orientierungspunkte. Das sind für den sehenden Nutzer nicht sichtbare HTML-Informationen, die aber vom Screenreader erkannt werden – so kann ich mit einfachen Tastenkombinationen direkt zur Suche, zur Navigation o. Ä. springen und bekomme Infos über die Struktur der Seite.

Dennoch gibt es für die Webdesigner aus Kalifornien noch viel zu tun. Zum Beispiel sind nicht alle Funktionen der Hauptseite in der mobilen Version verfügbar – an Grenzen stoßen blinde User beim Erstellen von Events. Dass der Chat optimierbar ist, gibt Facebook auf der Hilfeseite für behinderte Nutzer selbst zu. Dort heißt es:

„Facebook-Chat arbeitet derzeit mit dynamischen Internetinhalten, die bei manchen Bildschirmlesern Probleme bereiten können. Wir arbeiten daran diese Probleme zu lösen. Alternativ dazu unterstützt Facebook-Chat jetzt Jabber, so dass du mit deinen Facebook-Freunden über deinen Lieblings-IM-Client chatten kannst (z.B. AIM 7.2).“

Die Hilfeseite gibt weitere nützliche Tipps für die barrierefreie Nutzung von Facebook: U. A. zur Registrierung und für den Zugang zum Geschenkeladen. Sie nennt Tastenkombinationen, gibt Tipps zum Vergrößern der Seite und bietet Usern mit einer Seh- oder Körperbehinderung besondere Kontaktformulare an.

Eigene Inhalte barrierefrei gestalten

Und noch ein wichtiger Tipp, wie Sie blinden und sehbehinderten Nutzern den Zugang zu Ihren Fotos ermöglichen können:

„Die beste Möglichkeit sicherzustellen, dass deine Bilder für jeden zugänglich sind, ist das Hinzufügen von Bildunterschriften. In der Bildunterschrift kannst du das Bild kurz beschreiben und so sicherstellen, dass Nutzer, die das Bild nicht sehen können, als Alternative eine Beschreibung des Bildes haben.“

Seit einiger Zeit können Sie als Betreiber von Facebook-Seiten Inhalte via Iframe-Tabs einbinden. Der Inhalt von externen Seiten wird damit direkt in der Facebookseite wiedergegeben. Dies ist eine Chance für mehr Accessibility. Dies gilt selbstverständlich nur, wenn Ihre externe Seite barrierefrei gestaltet ist.

Wenn Sie weitere Fragen zum Thema Facebook und Barrierefreiheit im Besonderen oder über das Surfen und Leben blinder Menschen im Allgemeinen haben, besuchen Sie mich gern in meinem Blog, bei Twitter und natürlich bei Facebook. Schauen Sie auch gern auf der noch jungen Facebook-Seite des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg vorbei. Infos zu barrierefreiem Webdesign erhalten Sie beim Projekt „Barrierefrei Informieren und Kommunizieren“.

Danke für Deinen Gastbeitrag, Heiko! 🙂
(Foto von Heiko Kunert: Anna-Karina Handke
)

Damit auch sehende Nutzer einen Eindruck davon bekommen, wie sich Facebook vom Screenreader vorgelesen anhört, hier eine Aufnahme von meiner Fanseite, die Manuela und Martin Kramer netterweise als Ergänzung zu diesem Artikel gemacht haben (Danke, Ihr beiden!):

mit passendem Screenshot als optischem Äquivalent dazu:

Bildschirmfoto der Fanseite wie sie in der vorangegangenen audiodatei vom Screenreader vorgelesen wurde

Annette Schwindt
hat sich inzwischen als "schwindt-pr" verabschiedet und bloggt jetzt unter annetteschwindt.de.

11 Kommentare

  1. Dear Annette & Heiko,

    First of all, great review, and I must say, I admire Facebook’s effort in improving its accessibility features, especially in the main (regular) page (i.e. not mobile version of it).

    My question to you is, have you tried navigating around the non-mobile pages with screen reader? I’m using JAWS 12 with Firefox and IE8, and I found that they have included landmarks feature on the main pages. With JAWS, I can list the landmarks in a page and navigate through those areas easily.

    I wonder if listing landmarks in a page is a common way of navigating through pages of social web applications, and if it’s a useful and beneficial way for screen reader users.

    Thanks in advance, and I’m looking forward to hearing from you.

    1. I’d say that if a website is made in an accessible way, there should be these marks. I’m not using a screenreader myself, so maybe Heiko can better comment here.

  2. Pingback: Aus unserem Netzwerk – 1. Quartal 2011 » Blogpatenschaften
  3. Dear Philly, you asked: „I wonder if listing landmarks in a page is a common way of navigating through pages of social web applications, and if it’s a useful and beneficial way for screen reader users.“
    My answer: YES, IT IS!!!! It makes using Facebook more easy for me. Document landmarks – in German we call the Orientierungspunkte – are a great method to make a homepage more accessible.

  4. Da hätte ich jetzt eigentlich mehr erwartet von FB – obwohls auch wieder genau in ihr Schema passt. So unangenkündigte neu-Features mit doppel-opt-out sind ja auch voll in Mode. toller Hype…

Kommentare sind geschlossen.